Der Hebräerbrief definiert Glauben als feste Zuversicht und gewisses Nichtzweifeln. Doch was bedeutet das für unser Leben mit Gott? Ein lutherisch-pastoraler Kommentar zur Wesensbestimmung des Glaubens.
Hebräer 11,1: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“
Diese Worte sind keine philosophische Definition, sondern eine geistliche Wesensbestimmung dessen, was Gott selbst in uns wirkt. Der Glaube ist die von Gott geschenkte Fähigkeit, das Unsichtbare für wirklicher zu halten als das Sichtbare, das Verheißene für gewisser als das Gegenwärtige. Er ist kein menschliches Vermögen, keine psychologische Einstellung oder optimistische Weltanschauung, sondern göttliches Geschenk und Gnadenwerk des Heiligen Geistes.
Der Glaube ist auch nicht verfügbar wie ein innerer Schalter, den wir nur entschlossen genug umlegen müssten. Er entzieht sich jeder menschlichen Machbarkeit. Weder lässt er sich herbeizaubern durch geistliche Techniken, noch herbeibeten durch gesteigerte Intensität, noch erzwingen durch disziplinierte Bibellektüre. Denn Glaube entsteht nicht aus unserem Bemühen, sondern aus Gottes souveränem Handeln. Er wächst dort, wo der Heilige Geist das Herz öffnet, das Wort lebendig macht und den Menschen in die Wirklichkeit Christi hineinzieht. Darum bleibt der Glaube immer ein Wunder – still, unscheinbar, aber von Gott gewirkt und getragen.
Das griechische Wort für „feste Zuversicht“ ist hypostasis, was wörtlich „Grundlage“ oder „tragende Substanz“ bedeutet. Der Glaube ist also nicht ein schwaches Hoffen oder unsicheres Meinen, sondern er gibt unserem Leben ein festes Fundament. Er ist die Substanz dessen, worauf wir hoffen, die gegenwärtige Wirklichkeit zukünftiger Verheißungen. Was Gott zusagt, das ist im Glauben bereits gegenwärtig, auch wenn es noch nicht sichtbar verwirklicht ist. Der Glaube macht das Erhoffte gewiss, nicht weil wir so stark glauben würden, sondern weil Gott, der die Verheißung gibt, absolut zuverlässig ist.
Das „Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“ beschreibt die zweite Seite des Glaubens. Das griechische Wort elenchos meint „Überführung“ oder „Beweis“. Der Glaube ist der Beweis, die innere Überzeugung von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge. Er macht uns gewiss, dass Gott existiert, dass seine Verheißungen wahr sind, dass Christus für uns gestorben und auferstanden ist, dass es ein ewiges Leben gibt. Wir sehen diese Dinge nicht mit den Augen des Leibes, aber der Glaube ist das Auge der Seele, durch das wir die ewigen Wahrheiten schauen.
Woher kommt dieser Glaube?
Martin Luther hat in seinem Kleinen Katechismus zum dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses erklärt: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen“. Dies ist die reformatorische Grundeinsicht: Der Glaube ist nicht unser Werk, sondern Gottes Werk in uns. Der Apostel Paulus schreibt: „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es“ (Epheser 2,8). Der Glaube selbst ist also bereits Gnade, bereits Geschenk.
Diese Erkenntnis befreit uns von dem verzweifelten Versuch, durch eigene Anstrengung glauben zu wollen. Wie oft quälen sich Menschen mit der Frage: „Glaube ich auch stark genug? Ist mein Glaube echt?“ Doch der Blick richtet sich dabei falsch auf den eigenen Glauben statt auf Christus, den Inhalt und Grund des Glaubens. Jesus selbst nennt sich „der Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebräer 12,2). Er hat den Glauben in uns angefangen durch sein Wort und seinen Geist, und er wird ihn auch vollenden. Unser schwacher, angefochtener Glaube darf sich ganz auf die Treue und Kraft dessen verlassen, der ihn geschenkt hat.
Wie wird der Glaube gewirkt?
Paulus schreibt: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi“ (Römer 10,17). Der Glaube entsteht nicht durch mystische Erfahrungen oder religiöse Übungen, sondern durch das Hören des Wortes Gottes. Wenn das Evangelium von Jesus Christus verkündigt wird, wirkt der Heilige Geist durch dieses Wort den Glauben in den Herzen. Das Wort Gottes ist nicht toter Buchstabe, sondern lebendige, schöpferische Kraft. Es schafft, was es sagt. Wenn Gott durch sein Wort zu uns spricht: „Dir sind deine Sünden vergeben“, dann geschieht diese Vergebung im selben Augenblick, wenn wir es im Glauben annehmen.
Deshalb ist die Predigt des Evangeliums, das Lesen der Heiligen Schrift und das Hören auf Gottes Wort so zentral für das christliche Leben. Wir können den Glauben nicht aus uns selbst erzeugen, aber wir können uns dem Wort aussetzen, durch das Gott den Glauben wirkt. Jesus sagt: „Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme“ (Johannes 18,37). Und an anderer Stelle: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Johannes 10,27). Das Hören auf die Stimme des guten Hirten, auf sein Wort, ist der Weg, auf dem der Glaube lebendig bleibt und wächst.
Worauf richtet sich der Glaube?
Der Glaube richtet sich immer auf eine Verheißung Gottes, und alle Verheißungen Gottes haben ihr Ja und Amen in Jesus Christus. Paulus schreibt: „Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe“ (2. Korinther 1,20). Christus ist der eigentliche Inhalt des Glaubens. Wir glauben nicht an abstrakte Lehrsätze oder religiöse Prinzipien, sondern an eine Person: Jesus Christus, den Sohn Gottes, der für uns Mensch geworden ist, für unsere Sünden gestorben ist und auferstanden ist zu unserer Rechtfertigung.
Der Glaube ergreift Christus und alles, was er für uns erworben hat. Luther drückte dies in seiner berühmten Weise aus: Der Glaube ist wie ein Ring, der Christus als den köstlichen Edelstein fasst. Oder wie eine Hand, die Christus als das Geschenk Gottes ergreift. Der Glaube selbst hat keine verdienstliche Kraft, er ist nur das Organ, durch das wir empfangen, was Christus uns schenkt. Wie ein Bettler, der seine leere Hand ausstreckt, um eine Gabe zu empfangen, so streckt der Glaube die leere Hand des Herzens aus, um Christus und seine Gerechtigkeit zu empfangen. „Wer den Sohn hat, der hat das Leben“ (1. Johannes 5,12). Der Glaube hat den Sohn, darum hat er alles.
Im elften Kapitel des Hebräerbriefes wird uns eine lange Reihe von Glaubenszeugen vorgestellt: Abel, Henoch, Noah, Abraham, Sara, Isaak, Jakob, Mose und viele andere. Was sie alle verbindet, ist nicht die Größe ihrer Taten oder die Vollkommenheit ihres Lebens, sondern dass sie auf Gottes Verheißungen vertrauten, auch wenn sie die Erfüllung nicht sahen. Von Abraham heißt es: „Durch den Glauben wurde gehorsam Abraham, da er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme“ (Hebräer 11,8). Abraham verließ seine Heimat aufgrund einer bloßen Verheißung Gottes, ohne zu wissen, wohin die Reise ging. Das ist das Wesen des Glaubens: Er verlässt sich auf Gottes Wort, auch wenn alle äußeren Umstände dagegen zu sprechen scheinen.
Was bewirkt der Glaube im Leben des Christen?
Der Glaube rechtfertigt uns vor Gott. Dies ist die zentrale reformatorische Erkenntnis, die Paulus so klar bezeugt: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Römer 3,28). Nicht unsere Werke, nicht unsere Frömmigkeit, nicht unsere moralischen Anstrengungen machen uns vor Gott gerecht, sondern allein der Glaube, der Christus und seine vollkommene Gerechtigkeit ergreift. Christus hat am Kreuz alles vollbracht, was zu unserer Erlösung nötig war. Der Glaube nimmt diese vollbrachte Erlösung in Empfang und wird dadurch der Gerechtigkeit Christi teilhaftig.
Dies bedeutet nicht, dass der Glaube untätig wäre. Im Gegenteil, der rechtfertigende Glaube ist immer ein lebendiger Glaube, der in der Liebe tätig wird. Paulus schreibt von „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist (Galater 5,6), und Jakobus betont: „So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber“ (Jakobus 2,17). Doch diese Werke sind nicht die Ursache, sondern die Frucht des Glaubens. Der Baum wird nicht durch seine Früchte zum Baum, sondern er bringt Früchte hervor, weil er ein lebendiger Baum ist. Ebenso ist der Glaube die Wurzel, aus der die guten Werke als natürliche Frucht hervorgehen.
Der Glaube gibt uns Frieden mit Gott. Paulus jubelt: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus“ (Römer 5,1). Dieser Friede ist nicht ein Gefühl, das kommt und geht, sondern eine objektive Tatsache: Gott ist durch Christus mit uns versöhnt, der Krieg ist beendet, wir sind keine Feinde mehr, sondern geliebte Kinder. Im Glauben dürfen wir in diesem Frieden leben, auch wenn unser Gewissen uns anklagt, auch wenn äußere Umstände uns bedrängen.
Der Glaube gibt uns Zugang zu Gott. Paulus schreibt weiter: „durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen“ (Römer 5,2). Durch Christus, im Glauben, dürfen wir in die Gegenwart des heiligen Gottes treten, nicht als ferne Fremde, sondern als vertraute Kinder. Der Hebräerbrief ermutigt uns: „So lasst uns nun mit Zuversicht hinzutreten zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben“ (Hebräer 4,16). Diese Zuversicht ist die Frucht des Glaubens, der weiß, dass Christus für uns den Weg zu Gott geöffnet hat.
Wie wächst der Glaube?
Der Glaube ist nicht statisch, sondern dynamisch. Er kann wachsen und zunehmen. Die Jünger baten Jesus: „Herr, stärke uns den Glauben!“ (Lukas 17,5). Paulus dankt Gott für die Thessalonicher, weil „Wir müssen Gott allezeit für euch danken, liebe Brüder, wie sich’s gebührt. Denn euer Glaube wächst sehr und eure gegenseitige Liebe nimmt zu bei euch allen“ (2. Thessalonicher 1,3). Wie aber wächst der Glaube? Nicht durch unsere Anstrengung, als könnten wir ihn durch Willenskraft vermehren, sondern durch dieselben Mittel, durch die er entstanden ist: durch Gottes Wort und Sakrament. Je mehr wir uns dem Wort Gottes aussetzen, je mehr wir die Verheißungen des Evangeliums hören und bedenken, je mehr wir im Gebet mit Gott reden und in der Gemeinschaft der Gläubigen leben, desto mehr wächst der Glaube.
Aber auch Anfechtungen und Prüfungen dienen dem Wachstum des Glaubens. Jakobus schreibt: „Meine lieben Brüder, erachtet es für eitel Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt, und wisst, dass euer Glaube, wenn er bewährt ist, Geduld wirkt“ (Jakobus 1,2-3). Wie ein Muskel, der durch Training gestärkt wird, so wird der Glaube durch Anfechtungen gekräftigt. Nicht dass die Anfechtung an sich gut wäre, aber Gott gebraucht sie, um unseren Glauben zu läutern und zu vertiefen. In der Anfechtung lernen wir, dass wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf Gottes Verheißung verlassen müssen.
Was ist der Unterschied zwischen Glaube und Werkgerechtigkeit?
Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen dem biblischen Glauben und aller menschlichen Religion. Die natürliche religiöse Haltung des Menschen ist die Werkgerechtigkeit: der Versuch, durch eigene Leistung, durch moralische Anstrengung, durch fromme Übungen sich Gottes Gunst zu verdienen. Der biblische Glaube hingegen gibt alle eigene Gerechtigkeit auf und empfängt alles als Geschenk aus Gottes Hand. Paulus beschreibt diesen Gegensatz eindrücklich in seinem Brief an die Römer: „Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit“ (Römer 4,5).
Dies ist die Torheit und zugleich die Weisheit des Evangeliums: Gott rechtfertigt nicht die Frommen, sondern die Gottlosen. Er macht nicht die Gerechten noch gerechter, sondern er erklärt Sünder für gerecht um Christi willen. Dies widerspricht allem natürlichen Rechtsempfinden, aber genau darin liegt die Gnade. Wenn Gott nur die Guten annähme, wer könnte bestehen? Aber er nimmt die Verlorenen an, er rechtfertigt die Gottlosen, er heilt die Kranken, nicht die Gesunden. Der Glaube gibt alle eigene Gerechtigkeit auf und klammert sich an die fremde Gerechtigkeit Christi.
Wie bewährt sich der Glaube in Anfechtung und Leid?
Das elfte Kapitel des Hebräerbriefes zeigt uns, dass gerade die großen Glaubenszeugen oft nicht die Erfüllung der Verheißungen in diesem Leben sahen. Von ihnen heißt es: „Diese alle sind gestorben im Glauben und haben das Verheißene nicht erlangt, sondern es nur von ferne gesehen und gegrüßt“ (Hebräer 11,13). Ihr Glaube war nicht schwächer, weil sie die Erfüllung nicht sahen, sondern stärker, weil sie trotzdem festhielten an Gottes Wort. Der Glaube lebt nicht von Schauen, sondern von Verheißungen. Paulus schreibt: „Denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen“ (2. Korinther 5,7).
In Zeiten der Anfechtung, wenn Gott schweigt, wenn Gebete unerhört bleiben, wenn Leid uns trifft, dann wird der Glaube auf die Probe gestellt. Hiob ist das große biblische Beispiel dafür. Er verlor alles: seine Kinder, seinen Besitz, seine Gesundheit, und sogar seine Frau riet ihm, Gott abzusagen. Doch Hiob hielt fest an Gott, auch in tiefster Verzweiflung. Er rang mit Gott, er klagte, er fragte nach dem Warum, aber er ließ Gott nicht los. Und am Ende bezeugte er: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ (Hiob 19,25). Dies ist der angefochtene, aber siegreiche Glaube, der durch alle Dunkelheit hindurch an Gottes Güte festhält.
Jesus selbst hat uns gezeigt, wie dieser Weg aussieht. Am Kreuz rief er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46). In diesem Schrei liegt die ganze Schwere der Gottverlassenheit, die ein Mensch je tragen konnte. Christus ging in jene Finsternis hinab, die uns eigentlich treffen müsste, damit wir in Ewigkeit nicht mehr von Gott getrennt sein müssen. Und selbst dort, wo jede fühlbare Nähe Gottes verschwunden war, blieb sein Vertrauen bestehen: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände“ (Lukas 23,46). So hat er den Weg des Glaubens nicht nur begonnen, sondern durch Leiden, Tod und Auferstehung vollendet.
Darum dürfen auch wir gewiss sein: Unser Glaube, so sehr er geprüft und geläutert wird wie Gold im Feuer, wird am Ende nicht zerbrechen, sondern als bewährt hervorgehen – getragen von dem, der uns vorausgegangen ist und uns vollendet.
Was ist die Hoffnung des Glaubens?
Der Glaube ist untrennbar mit der Hoffnung verbunden. Hebräer 11,1 spricht von der „Zuversicht auf das, was man hofft“. Diese Hoffnung ist nicht ungewisses Wünschen, sondern gewisse Erwartung dessen, was Gott verheißen hat. Die größte Hoffnung des Glaubens ist die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben“ (Johannes 11,25-26).
Der Glaube sieht über dieses vergängliche Leben hinaus auf die ewige Herrlichkeit. Paulus schreibt: „Denn ich bin gewiss, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“ (Römer 8,18). Diese Gewissheit trägt uns durch alle Dunkelheiten dieses Lebens. Wir wissen, dass diese Welt nicht unsere endgültige Heimat ist, dass Gott eine neue Welt bereitet, „in der Gerechtigkeit wohnt“ (2. Petrus 3,13). Der Glaube macht uns zu Pilgern, die durch diese Zeit wandern mit dem Blick auf die kommende Stadt, „deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“ (Hebräer 11,10).
Wie unterscheidet sich echter Glaube von falschem Glauben?
Nicht jeder Glaube ist rettender Glaube. Jakobus warnt: „Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glaubens auch und zittern“ (Jakobus 2,19). Es gibt einen toten, intellektuellen Glauben, der nur Tatsachen für wahr hält, aber das Herz nicht ergreift. Echter Glaube ist mehr als Fürwahrhalten; er ist Vertrauen, Hingabe, persönliche Beziehung zu Christus. Luther unterschied zwischen einem historischen Glauben, der nur weiß, dass etwas geschehen ist, und einem Herzensglauben, der sich darauf verlässt und sich dessen tröstet.
Der echte Glaube erkennt man an seinen Früchten. Jesus sagt: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matthäus 7,16). Wo echter Glaube ist, da entsteht ein neues Leben. Der Gläubige hungert nach Gottes Wort, er wächst in der Heiligung, er liebt die Brüder und Schwestern, er hat Freude im Herrn, er trägt Geduld in Anfechtungen. Dies alles geschieht nicht perfekt und nicht ohne Kampf, denn der alte Mensch bleibt in uns bis zum Tod. Aber die Richtung des Lebens ändert sich. Wo vorher Gleichgültigkeit gegenüber Gott war, ist nun Hunger nach ihm. Wo vorher Sünde ungehindert herrschte, ist nun ein Kampf gegen sie.
Welche Rolle spielt der Glaube im täglichen Leben?
Der Glaube ist nicht nur für den Moment der Bekehrung wichtig, sondern für jeden Tag des christlichen Lebens. Paulus schreibt: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Römer 1,17). Das ganze christliche Leben ist ein Leben aus Glauben. Jeden Morgen dürfen wir im Glauben aufwachen mit der Gewissheit: Ich bin ein geliebtes Kind Gottes, erlöst durch Christus. Jeden Tag dürfen wir im Glauben unsere Aufgaben angehen, wissend, dass Gott mit uns ist. Jeden Abend dürfen wir im Glauben schlafen gehen, sicher in Gottes Händen.
Der Glaube prägt unser Gebet. Wir beten nicht ins Ungewisse hinein, sondern zu einem Vater, der uns hört und erhört. Jesus verheißt: „Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihrs empfangen werdet, so wirds euch werden“ (Markus 11,24). Dies bedeutet nicht, dass wir alles bekommen, was wir uns wünschen, aber dass Gott unser Gebet hört und in seiner Weisheit beantwortet. Der Glaube betet mit Zuversicht und überlässt zugleich demütig die Erhörung der Weisheit Gottes.
Der Glaube prägt auch unseren Umgang mit anderen Menschen. Wir sehen in jedem Nächsten jemanden, den Christus liebt und für den er gestorben ist. Wir vergeben, weil uns vergeben ist. Wir dienen, weil Christus uns gedient hat. Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat. All dies fließt aus dem Glauben, der in der Liebe tätig ist. Das christliche Leben ist nicht ein krampfhaftes Befolgen von Regeln, sondern ein freudiges Leben aus der Kraft des Glaubens, der uns mit Christus verbindet.
Die Heilige Schrift beschreibt den Glauben als einen Schild, mit dem wir alle feurigen Pfeile des Bösen auslöschen können: „Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen“ (Epheser 6,16). Der Teufel greift uns an mit Zweifeln, mit Anfechtungen, mit Versuchungen. Doch der Glaube ist unsere Verteidigung. Wenn der Ankläger sagt: „Du bist ein Sünder“, antwortet der Glaube: „Ja, aber Christus ist für Sünder gestorben.“ Wenn der Zweifel flüstert: „Gott liebt dich nicht“, antwortet der Glaube: „Doch, denn er hat seinen Sohn für mich gegeben.“ Der Glaube klammert sich an Gottes Verheißungen und lässt sich durch nichts davon abbringen.
Paulus beschreibt die Kraft des Glaubens mit ergreifenden Worten: „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (Römer 8,35-39). Dies ist die triumphierende Gewissheit des Glaubens, die durch alle Stürme des Lebens hindurch an Gottes unwandelbarer Liebe festhält.
So ist der Glaube das kostbarste Geschenk, das ein Mensch empfangen kann. Er verbindet uns mit Christus, er rechtfertigt uns vor Gott, er gibt uns Frieden und Freude, er trägt uns durch Leid und Tod hindurch bis in die Ewigkeit. Dieser Glaube ist nicht unser Werk, sondern Gottes Gabe. Er wird gewirkt durch das Wort Gottes und genährt durch Wort und Sakrament. Er wächst in der Gemeinschaft der Gläubigen und bewährt sich in den Prüfungen des Lebens. Und am Ende wird dieser Glaube schauen, was er jetzt schon glaubt: die Herrlichkeit Gottes und das Angesicht Jesu Christi, unseres Erlösers.
Geliebte Geschwister, lasst uns festhalten an diesem Glauben, lasst uns wachsen in ihm, lasst uns leben aus ihm. Christus, der Anfänger und Vollender unseres Glaubens, wird das gute Werk, das er in uns angefangen hat, auch vollenden bis an den Tag Jesu Christi. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.
Der Kleine Katechet
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