Ist die Kritik an der Kirche berechtigt? Warum wir die Gemeinschaft der Heiligen nicht verlassen dürfen, obwohl ihre Glieder Sünder sind.
Darf man die Kirche kritisieren?
Es ist wahr, dass die Kirche in unseren Tagen viel Kritik erfährt. Manche dieser Kritik kommt von außen, von Menschen, die dem Glauben fernstehen. Andere Kritik kommt von innen, von enttäuschten, verletzten oder empörten Gliedern der Gemeinde selbst. Und es gibt nicht wenige, die sich von der sichtbaren Kirche abwenden und meinen, sie könnten ihren Glauben besser ohne die Gemeinschaft der Gläubigen leben. Sie sagen: „Ich glaube an Jesus, aber ich brauche die Kirche nicht. Die Kirche ist voller Heuchler und Sünder.“
Nun, diese Aussage ist nicht falsch, was die Sündhaftigkeit ihrer Glieder betrifft. Aber sie ist zutiefst irreführend, wenn sie uns dazu verleitet, die Kirche zu verachten oder zu verlassen. Wir müssen zwischen berechtigter Kritik und liebloser Verurteilung unterscheiden. Die Heilige Schrift selbst kennt prophetische Kritik an Missständen in der Gemeinde. Jesus selbst hat die Pharisäer und Schriftgelehrten scharf zurechtgewiesen, und die Apostel haben die Gemeinden ermahnt, gerügt und zur Umkehr gerufen. Der Apostel Paulus schreibt an die Korinther: „Es ist eine allgemeine Rede, dass Unzucht unter euch ist, und zwar eine solche Unzucht, wie es sie nicht einmal unter den Heiden gibt“ (1. Korinther 5,1).
Paulus kritisiert hier nicht, um die Gemeinde zu zerstören, sondern um sie zu reinigen und zu bewahren. Kritik aus Liebe zur Wahrheit und zur Gemeinde ist berechtigt und notwendig. Aber die ständige, richtende, lieblose Kritik, die nur anklagt und verdammt, die sich über die Kirche erhebt und sie verwirft, diese Haltung entspricht nicht dem Geist Christi.
Warum ist die Kirche voller Sünder?
Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Sündern, weil Christus gekommen ist, Sünder zu rufen und nicht Gerechte. Er selbst sagt: „Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten“ (Markus 2,17). Die Kirche ist kein Museum für Heilige, sondern ein Krankenhaus für Sünder. Wenn wir die Kirche verlassen, weil in ihr Sünder sind, dann haben wir das Wesen der Kirche nicht verstanden. Die Kirche besteht aus Menschen, die wissen, dass sie Sünder sind, die aber zugleich an die Vergebung ihrer Sünden glauben und aus der Gnade Gottes leben. Der Apostel Johannes schreibt: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit“ (1. Johannes 1,8–9).
Die Kirche ist der Ort, wo Sünder Vergebung finden, wo sie nicht verurteilt, sondern aufgerichtet werden, wo sie nicht in ihrer Sünde bleiben, sondern zur Heiligung gerufen werden. Natürlich gibt es in der Kirche Heuchelei, Versagen, Lieblosigkeit und Skandale. Das ist schmerzlich und beschämend.
Aber das macht die Kirche nicht ungültig, denn die Kirche lebt nicht von der Vollkommenheit ihrer Glieder, sondern von der Vollkommenheit Christi.
Was ist mit denen, die meinen, ohne Kirche besser zu glauben?
Es gibt Menschen, die sich von der sichtbaren Gemeinschaft der Kirche trennen und behaupten, sie seien die besseren Christen, weil sie keiner Institution angehören. Sie sagen: „Ich habe eine persönliche Beziehung zu Jesus, ich brauche keine Organisation, keine Traditionen, keine Strukturen.“
Diese Haltung klingt fromm und geistlich, aber sie widerspricht der Heiligen Schrift. Christus hat seine Kirche nicht als eine Ansammlung isolierter Einzelgläubiger gedacht, sondern als einen Leib mit vielen Gliedern. Der Apostel Paulus schreibt: „Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied“ (Römer 12,4–5). Niemand kann für sich allein Christ sein. Der Glaube ist immer auch Gemeinschaft.
Der Hebräerbrief ermahnt uns: „Und lasst uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht“ (Hebräer 10,24–25). Wer die Gemeinschaft der Kirche verlässt, beraubt sich selbst der Gnadenmittel, die Gott zur Stärkung des Glaubens gegeben hat: die Verkündigung des Wortes, die Feier der Sakramente, die brüderliche Gemeinschaft, die gegenseitige Ermahnung und den gemeinsamen Lobpreis.
Niemand ist so stark, dass er allein bestehen könnte. Wir brauchen einander. Wir brauchen die Gemeinschaft der Geschwister, um im Glauben zu wachsen, um Anfechtungen zu widerstehen, um in der Liebe zu bleiben.
Ist die unsichtbare Kirche wichtiger als die sichtbare?
Die Reformation hat zwischen der unsichtbaren und der sichtbaren Kirche unterschieden. Die unsichtbare Kirche ist die Gemeinschaft aller wahrhaft Glaubenden, die Gott allein kennt. Die sichtbare Kirche ist die äußere Gemeinschaft der Getauften und Bekennenden, in der auch Heuchler und Ungläubige sein können. Diese Unterscheidung ist wichtig, aber sie darf nicht dazu führen, die sichtbare Kirche zu verachten oder zu verlassen.
Die unsichtbare Kirche existiert nicht ohne die sichtbare. Christus hat seiner Kirche das Wort und die Sakramente anvertraut, und diese werden in der sichtbaren Gemeinschaft verwaltet. Jesus sagt: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20). Die sichtbare Versammlung der Gläubigen ist der Ort, wo Christus gegenwärtig ist und wirkt. Wer die sichtbare Kirche verlässt, weil er meint, die unsichtbare Kirche sei ihm genug, der verkennt, dass Gott konkrete Mittel gewählt hat, um seinen Glauben zu wecken und zu erhalten. Gott wirkt durch das gesprochene und gehörte Wort, durch Wasser, Brot und Wein, durch die Gemeinschaft der Heiligen. Wer diese Mittel verachtet, verachtet Gott selbst.
Was sagt die Schrift über die Einheit der Kirche?
Die Heilige Schrift ruft uns zur Einheit in der Kirche auf. Paulus schreibt an die Epheser: „Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen“ (Epheser 4,1–6).
Die Einheit der Kirche ist nicht eine Einheit der Organisation oder der menschlichen Meinung, sondern eine Einheit im Glauben an den einen Herrn Jesus Christus. Wo dieser Glaube bekennt wird, wo das Evangelium rein gepredigt wird, wo die Sakramente nach der Einsetzung Christi verwaltet werden, da ist die wahre Kirche, auch wenn äußerlich verschiedene Denominationen und Traditionen bestehen. Die Einheit der Kirche ist ein Geschenk Gottes, und wir sind aufgerufen, sie zu wahren, zu pflegen und zu leben. Das bedeutet nicht, dass wir Irrlehre dulden oder die Wahrheit preisgeben, aber es bedeutet, dass wir einander in Liebe ertragen, dass wir geduldig miteinander umgehen, dass wir nicht vorschnell richten und verdammen.
Wie sollen wir mit den Fehlern und Sünden in der Kirche umgehen?
Jesus selbst hat uns den Weg gezeigt, wie wir mit Sünde in der Gemeinde umgehen sollen. Er sagt: „Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner“ (Matthäus 18,15–17). Der Weg, den Jesus uns zeigt, ist der Weg der brüderlichen Zurechtweisung, der geduldigen Ermahnung, der liebevollen Korrektur.
Wir sollen nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht, aber wir sollen auch nicht öffentlich anklagen und richten, bevor wir den Bruder oder die Schwester persönlich angesprochen haben. Und selbst wenn jemand hartnäckig in der Sünde bleibt und sich nicht zurechtweisen lässt, sollen wir ihn nicht hassen, sondern ihn wie einen Heiden und Zöllner behandeln, das heißt, ihm mit Barmherzigkeit und der Hoffnung auf Umkehr begegnen, so wie Jesus es getan hat.
Der Apostel Paulus schreibt an die Galater: „Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest“ (Galater 6,1). Wir sollen die Fehler und Sünden in der Kirche nicht ignorieren, aber wir sollen sie im Geist der Sanftmut und Demut angehen, wissend, dass wir selbst Sünder sind und der Gnade bedürfen.
Was ist unsere Verantwortung gegenüber der Kirche?
Unsere Verantwortung ist es, die Kirche zu lieben, wie Christus sie geliebt hat. Paulus schreibt an die Epheser: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und hat sich selbst für sie dahingegeben, um sie zu heiligen. Er hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort, damit er sie vor sich stelle als eine Gemeinde, die herrlich sei und keinen Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern die heilig und untadelig sei“ (Epheser 5,25–27).
Christus hat die Kirche geliebt, als sie noch unrein und voller Makel war. Er hat sich für sie hingegeben, um sie zu reinigen und zu heiligen. Wenn Christus die Kirche so geliebt hat, wie können wir sie dann verachten? Wir sind berufen, an der Heiligung der Kirche mitzuwirken, nicht durch Kritik und Verurteilung, sondern durch Liebe, Gebet, Dienst und treues Festhalten am Wort Gottes. Wir sollen die Kirche nicht verlassen, sondern in ihr bleiben, sie stärken, sie ermutigen, sie zur Umkehr rufen, wo nötig, und sie im Glauben aufrichten. Die sichtbare Kirche ist nicht perfekt, aber sie ist Christi Werk, und er wird sie vollenden.
Die Kirche lieben? Hier höre ich schon den Protest – besonders von jenen, die sich bewusst in freien Gemeinden sammeln und sich von „Kirche“ im traditionellen Sinn abgrenzen. Doch hier müssen wir klar und nüchtern sprechen: Kirche und Christus lassen sich nicht trennen. Wer Christus liebt, liebt auch seinen Leib.
Und dieser Leib ist größer als jede einzelne Gemeindeform, größer als jede Denomination, größer als jede Tradition. Die Kirche ist nicht nur die Ortsgemeinde, nicht nur die freie Gemeinschaft, nicht nur die Landeskirche – sie ist das eine Gottesvolk, das Christus sich erworben hat. Wer also sagt: „Ich liebe Jesus, aber nicht die Kirche“, der spricht gegen das, was Christus selbst liebt. Natürlich gibt es Missstände, Verletzungen, Fehlentwicklungen – aber das ändert nichts an der geistlichen Wirklichkeit.
Die Kirche ist Christi Braut, und keine Braut ist vollkommen. Doch sie bleibt die Geliebte des Herrn. Darum sollen wir nicht spalten, sondern verbinden; nicht verachten, sondern achten; nicht abwerten, sondern aufrichten. Denn wer die Kirche gering schätzt, verkennt den Tempel Gottes, in dem Christus selbst wohnt und wirkt.
Was ist die Verheißung für die Kirche?
Die Verheißung für die Kirche ist, dass Christus bei ihr bleibt bis ans Ende der Welt. Er hat gesagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20). Die Pforten der Hölle werden die Kirche nicht überwältigen. Keine Sünde, keine Anfechtung, keine Verfolgung, kein Irrtum kann die Kirche letztlich zerstören, denn Christus hält sie in seiner Hand. Die Kirche wird gereinigt, geläutert, geheiligt werden. Am Ende wird sie vor ihm stehen als seine herrliche Braut, ohne Flecken und Runzel. Bis dahin aber bleibt sie eine kämpfende, ringende, oft strauchelnde Gemeinschaft von Sündern, die aus der Gnade leben. Und gerade deshalb ist sie so kostbar, denn in ihr zeigt sich die Barmherzigkeit Gottes, der nicht die Gerechten ruft, sondern die Sünder, der nicht die Starken stärkt, sondern die Schwachen trägt.
Und darum bleibt uns ein letztes, ernstes Wort der Mahnung: Wir dürfen die Kirche nicht leichtfertig behandeln, nicht gering schätzen, nicht verächtlich über sie reden.
Viele in unserer Zeit meinen, sie könnten sich über die Kirche erheben, sie beurteilen wie ein menschliches Projekt, sie verlassen, wenn sie ihnen nicht mehr gefällt, oder sie nach eigenem Geschmack umformen. Doch wer so handelt, vergisst, dass die Kirche Christus gehört und unter seiner Verheißung steht. Sie ist nicht unser Besitz, sondern sein Leib. Sie ist nicht unser Werk, sondern sein Bau.
Darum sollen wir uns hüten vor Hochmut, vor Gleichgültigkeit, vor Spaltung und vor jener modernen Versuchung, die Kirche nur dann zu achten, wenn sie unseren Erwartungen entspricht. Christus hat sie geliebt, als sie noch voller Makel war – und er ruft uns, sie ebenso zu lieben, zu tragen, zu schützen und zu ehren. Wer die Kirche liebt, ehrt Christus. Wer sie verachtet, verachtet den Tempel Gottes. So lasst uns wachsam bleiben, treu bleiben, demütig bleiben – und die Kirche lieben, bis der Herr wiederkommt.
Der Kleine Katechet
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