Der Ruf zur Heiligkeit: Leben in der Spannung von Gnade und Gehorsam! Nach dem Lobpreis kommt die Ermahnung. Nach der Zusage folgt die Forderung. Petrus zeigt: Wer die Hoffnung kennt, lebt anders. Wer die Gnade empfangen hat, wandelt in Heiligkeit.
1.Petrus 1,13-17: „Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben 3.Mose 19,2: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.« Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht…“
„Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade.“ Mit diesem Darum beginnt Petrus den praktischen, ethischen Teil seiner Ausführungen. Das Darum ist entscheidend. Es verbindet das Vorangegangene mit dem Folgenden. Es zeigt: Die christliche Ethik, das christliche Leben, der christliche Wandel folgt aus dem Evangelium, aus der Gnade, aus der Hoffnung.
Wir leben nicht heilig, um gerettet zu werden. Wir leben heilig, weil wir gerettet sind. Wir gehorchen nicht, um Gottes Liebe zu verdienen. Wir gehorchen, weil wir Gottes Liebe empfangen haben.
Das ist die evangelische Reihenfolge: Erst die Gnade, dann der Gehorsam. Erst die Gabe, dann die Aufgabe. Erst das Geschenk, dann die Verantwortung. Petrus hat in den vorhergehenden Versen von der Wiedergeburt gesprochen, von der lebendigen Hoffnung, vom unvergänglichen Erbe, von der Bewahrung durch Gottes Macht, von der kommenden Herrlichkeit. Das alles ist Geschenk, reine Gnade, unverdiente Barmherzigkeit. Und weil das so ist, darum sollt ihr nun auch leben, wandeln, euch verhalten gemäß dieser Gnade.
Das erste Bild, das Petrus verwendet, ist eindrücklich: „Umgürtet die Lenden eures Gemüts.“ Im Orient trugen die Menschen lange, fließende Gewänder. Wenn sie arbeiten, laufen oder kämpfen mussten, dann gürteten sie diese Gewänder hoch, banden sie fest, damit sie nicht behindert wurden, damit sie frei waren in ihrer Bewegung. Das Bild spricht von Bereitschaft, von Entschlossenheit, von Konzentration. Petrus überträgt es auf das Gemüt, auf den Verstand, auf die Gesinnung. Er sagt: Macht euren Geist bereit, konzentriert euch, lasst euch nicht ablenken, lasst euch nicht behindern von allem, was euch träge, gleichgültig, weltförmig macht.
Martin Luther hat das in seiner Übersetzung manchmal mit „Raffet die Lenden eures Gemüts auf“ wiedergegeben – ein starker, aktiver Ausdruck. Es geht um geistliche Wachsamkeit, um innere Klarheit, um bewusste Ausrichtung auf das Ziel.
Und das zweite Gebot lautet: „Seid nüchtern.“ Nüchternheit ist das Gegenteil von Trunkenheit, von Rausch, von Benommenheit. Es bedeutet: Habt einen klaren Kopf, einen wachen Geist, ein besonnenes Urteil. Lasst euch nicht berauschen von den Verheißungen dieser Welt, von ihren Vergnügungen, von ihren Versprechungen. Lasst euch nicht einlullen von falscher Sicherheit, von trügerischem Frieden.
Paulus schreibt im ersten Thessalonicherbrief 5,6-8: „So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken; wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein.“ Nüchternheit ist eine zentrale christliche Tugend. Sie bewahrt vor Schwärmerei, vor Fanatismus, vor Weltflucht, aber auch vor Weltliebe. Sie hält das rechte Maß, die rechte Balance, die rechte Perspektive. Der nüchterne Christ ist weder euphorisch noch depressiv, weder leichtsinnig noch ängstlich. Er sieht die Wirklichkeit, wie sie ist – die Gefahr und die Gnade, die Anfechtung und die Hoffnung, das Leiden und die Herrlichkeit.
Und das dritte Gebot: „Setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.“ Das ist das Zentrum, das Herz, der Kern des christlichen Lebens: Die Hoffnung, die ganz, vollständig, ausschließlich auf die Gnade gesetzt ist. Nicht teilweise auf Gnade und teilweise auf eigene Leistung. Nicht ein bisschen auf Gott und ein bisschen auf sich selbst. Nicht zur Hälfte auf Christus und zur Hälfte auf eigene Frömmigkeit. Nein, ganz, vollständig, ausnahmslos auf die Gnade.
Das griechische Wort, das hier mit „ganz“ übersetzt wird, bedeutet „vollkommen“, „vollständig“, „ohne Abzug“. Es ist eine radikale, kompromisslose Ausrichtung auf die Gnade Gottes als einzige Quelle unserer Hoffnung. Und diese Gnade wird uns angeboten in der Offenbarung Jesu Christi. Das kann zweierlei bedeuten: Erstens, die Gnade, die uns bereits offenbart worden ist durch das erste Kommen Christi, durch sein Leben, Sterben und Auferstehen. Das Evangelium ist die Offenbarung der Gnade Gottes.
Zweitens, die Gnade, die uns noch vollkommen offenbart werden wird bei der Wiederkunft Christi, wenn er in Herrlichkeit erscheint und unsere Erlösung vollendet. Wahrscheinlich meint Petrus beides: Die Gnade, die wir jetzt schon im Evangelium erkennen, und die Gnade, die wir dann vollkommen empfangen werden am Tag der Offenbarung Jesu Christi. Unsere Hoffnung richtet sich auf diese Gnade, klammert sich an diese Gnade, lebt aus dieser Gnade.
Und nun kommt die Ermahnung zur Heiligung: „Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet.“ Petrus nennt die Christen gehorsame Kinder. Das ist eine liebevolle, innige Bezeichnung. Wir sind Kinder Gottes, geboren aus seinem Geist, berufen zu seiner Familie. Und als Kinder sind wir zum Gehorsam berufen. Nicht zu einem knechtischen, ängstlichen Gehorsam aus Furcht vor Strafe, sondern zu einem kindlichen, vertrauensvollen Gehorsam aus Liebe zum Vater. Ein Kind gehorcht nicht, weil es muss, sondern weil es den Vater liebt, weil es ihm vertraut, weil es weiß, dass der Vater nur sein Bestes will. So soll unser Gehorsam sein: nicht gezwungen, nicht widerwillig, sondern freudig, vertrauensvoll, aus Liebe.
Und dieser Gehorsam zeigt sich darin, dass wir uns nicht den Begierden hingeben, denen wir früher dienten. Petrus spricht hier von der Vergangenheit, von der Zeit vor der Bekehrung, von der Zeit der Unwissenheit. Unwissenheit ist hier nicht intellektuelle Dummheit, sondern geistliche Blindheit. Es ist die Unwissenheit über Gott, über Christus, über das Evangelium, über den Weg zum Heil.
Paulus schreibt in der Apostelgeschichte 17,30: „Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun.“ In dieser Zeit der Unwissenheit haben wir unseren Begierden gedient, haben uns von ihnen treiben, beherrschen, versklaven lassen. Das griechische Wort für Begierden (ἐπιθυμίαι, epithymiai) meint nicht nur sexuelle Lüste, sondern alle Formen selbstsüchtiger, ungezügelter Verlangen – Gier nach Geld, Hunger nach Macht, Sucht nach Anerkennung, Durst nach Vergnügen. Diese Begierden sind Tyrannen. Sie versprechen Freiheit, aber sie bringen Knechtschaft. Sie versprechen Leben, aber sie bringen Tod. Sie versprechen Erfüllung, aber sie bringen Leere.
Aber jetzt, durch die Wiedergeburt, durch die Erkenntnis Christi, sind wir frei geworden von diesen Tyrannen. Wir dienen nicht mehr den Begierden, sondern Gott. Wir lassen uns nicht mehr treiben von unseren Lüsten, sondern vom Heiligen Geist. Das bedeutet nicht, dass wir keine Anfechtung mehr spüren würden, keine Versuchung mehr erleben würden. Die alte Natur ist noch da, das Fleisch kämpft noch gegen den Geist, wie Paulus im Galaterbrief 5,17 schreibt. Aber wir müssen uns diesen Begierden nicht mehr hingeben, nicht mehr gehorchen, nicht mehr ausliefern. Wir haben die Kraft, Nein zu sagen. Wir haben den Heiligen Geist, der uns stärkt. Wir haben Christus, der für uns gestorben ist, um uns von der Macht der Sünde zu befreien.
Doch was ist mit jenen, die nicht Nein sagen können, die trotz Wiedergeburt immer wieder fallen, die sich selbst fremd werden in ihrer eigenen Schwachheit? Paulus kennt diese Menschen – und er zählt sich selbst zu ihnen. In Römer 7,19 bekennt er: „Denn das Gute, das ich will, tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Das ist kein Freibrief zur Sünde, sondern ein tiefes Zeugnis dafür, dass der Kampf real ist, dass die alte Natur sich nicht kampflos ergibt.
Wer fällt, ist nicht verloren. Wer strauchelt, ist nicht verstoßen. Christus ist nicht nur der Herr der Starken, sondern der Retter der Schwachen. Seine Gnade trägt gerade dort, wo unsere Kraft endet. Und der Heilige Geist wirkt nicht nur im Triumph, sondern auch im Ringen, im Wiederaufstehen, im erneuten Ruf nach Hilfe.
Die Frage ist nicht, ob wir vollkommen sind, sondern ob wir uns immer wieder Christus anvertrauen, der uns nicht nach der Zahl unserer Siege, sondern nach der Tiefe unserer Abhängigkeit von ihm beurteilt.
Und nun kommt die positive Seite der Ermahnung: „Sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.“ Das ist der Kern der christlichen Ethik: Heiligkeit. Nicht Moralität, nicht Anständigkeit, nicht bürgerliche Tugend, sondern Heiligkeit. Heiligkeit bedeutet Absonderung, Reinheit, Gottgeweihtsein. Es bedeutet, anders zu sein als die Welt, abgesondert für Gott, bestimmt für seinen Dienst. Und das Vorbild, der Maßstab, die Norm unserer Heiligkeit ist Gott selbst.
„Wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein.“ Wir sollen Gott ähnlich werden, sein Wesen widerspiegeln, seinen Charakter nachahmen. Das ist unmöglich aus eigener Kraft. Das übersteigt alle menschliche Anstrengung. Aber Gott fordert es dennoch, und Gott ermöglicht es auch. Er gibt uns seinen Heiligen Geist, der uns heiligt, der uns umgestaltet, der uns Christus ähnlich macht.
Und doch – wie wendig sind Christen darin, diesen Ruf zur Heiligkeit umzudeuten. Sie verlangen Heiligkeit von anderen, mahnen, korrigieren, beurteilen, ja manchmal verurteilen. Aber um ihre eigene Heiligkeit kümmern sie sich nur wenig. Sie messen mit zweierlei Maß: streng nach außen, milde nach innen. Sie sehen die Splitter, aber übersehen die Balken.
Das ist die subtile Versuchung der Frommen: die Heiligkeit zu einem moralischen Maßstab für andere zu machen, statt zu einem Ruf Gottes an das eigene Herz. Wahre Heiligkeit beginnt immer im Verborgenen, im eigenen Inneren, im stillen Gehorsam, im täglichen Sterben des alten Menschen. Wer Heiligkeit fordert, ohne sie zu leben, verliert ihre Schönheit. Wer sie lebt, ohne sie zu fordern, macht sie sichtbar.
Diese Heiligkeit soll sich zeigen in eurem ganzen Wandel. Das Wort Wandel (ἀναστροφή, anastrophē) bedeutet Lebensführung, Lebensstil, die Art und Weise, wie wir unser Leben führen. Es geht nicht nur um einzelne fromme Handlungen, nicht nur um bestimmte religiöse Übungen, sondern um das ganze Leben, alle Bereiche, alle Beziehungen, alle Entscheidungen. Heiligkeit ist nicht auf die Kirche beschränkt, nicht auf die Gottesdienstzeit, nicht auf fromme Momente. Sie durchdringt das ganze Leben – Beruf und Familie, Freizeit und Alltag, Denken und Reden, Fühlen und Handeln. Paulus schreibt im ersten Korintherbrief 10,31: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre.“ Das ist ganzheitliche Heiligkeit.
Und Petrus begründet diese Forderung mit einem Zitat aus dem Alten Testament: Denn es steht geschrieben: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ Dieser Satz stammt aus 3. Mose 19,2 und wird mehrfach im Gesetz wiederholt (3. Mose 11,44-45; 20,7.26). Er steht im Zentrum der alttestamentlichen Ethik. Israel sollte heilig sein, weil sein Gott heilig ist. Israel sollte sich unterscheiden von den Völkern ringsum, nicht durch äußere Rituale allein, sondern durch innere Reinheit, durch gerechtes Handeln, durch Liebe zum Nächsten.
Und nun überträgt Petrus diese Forderung auf die christliche Gemeinde. Wir sind das neue Israel, das Volk Gottes, die heilige Nation (wie Petrus in Vers 9 sagen wird). Darum gelten für uns dieselben Maßstäbe, dieselben Forderungen, derselbe Ruf zur Heiligkeit. Nicht weil wir durch Heiligkeit gerettet werden, sondern weil wir als Gerettete zur Heiligkeit berufen sind.
Die Begründung ist einfach und unwiderleglich: „Denn ich bin heilig.“ Gott ist heilig. Das ist sein Wesen, seine Natur, sein Charakter. Heiligkeit ist nicht eine Eigenschaft unter anderen, sondern das Zentrum seines Seins. Die Seraphim in Jesaja 6,3 rufen: „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“
Gottes Heiligkeit bedeutet seine absolute Reinheit, seine vollkommene Abgeschiedenheit von allem Bösen, seine unendliche Erhabenheit über alles Geschaffene. Und weil Gott heilig ist, darum sollen auch wir heilig sein. Nicht um Gott zu beeindrucken, nicht um uns selbst zu rechtfertigen, sondern um Gott ähnlich zu werden, um ihn zu ehren, um sein Wesen widerzuspiegeln. Wir sind nach seinem Bild geschaffen, und dieses Bild soll in uns wiederhergestellt werden durch die Gnade Christi und die Kraft des Heiligen Geistes.
Und nun fügt Petrus noch eine weitere Ermahnung hinzu: „Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht.“
Dieser Vers verbindet zwei Gedanken, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mögen: Gott als Vater und Gott als Richter. Aber beides gehört zusammen, beides ist wahr, beides ist notwendig. Wir dürfen Gott Vater nennen. Das ist das größte Vorrecht, das Christus uns erworben hat. Jesus hat uns gelehrt zu beten: „Unser Vater im Himmel“ (Matthäus 6,9). Paulus schreibt im Römerbrief 8,15: „Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“
Wir sind Kinder Gottes, wir dürfen zu ihm kommen mit kindlichem Vertrauen, mit offenen Herzen, ohne Angst, ohne Scheu.
Aber dieser Vater ist zugleich der Richter. Er richtet ohne Ansehen der Person einen jeden nach seinem Werk. Das bedeutet: Gott ist kein parteiischer Richter. Er bevorzugt niemanden aufgrund von Herkunft, Stand, Besitz oder äußeren Vorzügen. Er sieht nicht auf das Äußere, sondern auf das Herz. Er richtet gerecht, unbestechlich, unparteiisch. Und er richtet jeden nach seinem Werk. Das scheint dem zu widersprechen, was Petrus und die ganze Schrift über die Rechtfertigung aus Gnade durch Glauben lehren. Aber es ist kein Widerspruch.
Wir werden durch Glauben allein gerettet, nicht durch Werke. Das ist das Evangelium. Aber der echte Glaube bringt Werke hervor. Jakobus schreibt: „Der Glaube ohne Werke ist tot“ (Jakobus 2,26). Die Werke rechtfertigen uns nicht, aber sie beweisen unseren Glauben. Sie sind die Früchte, die der Baum des Glaubens hervorbringt. Und nach diesen Früchten wird Gott richten. Nicht um zu entscheiden, ob wir gerettet sind – das ist allein durch Christus entschieden. Aber um zu beurteilen, wie wir gelebt haben, wie wir den empfangenen Talenten verwaltet haben, wie wir unsere Berufung erfüllt haben.
Paulus schreibt im zweiten Korintherbrief 5,10: „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.“
Und weil das so ist, weil wir einen Vater haben, der zugleich Richter ist, darum sollen wir unser Leben führen in Gottesfurcht. Gottesfurcht ist keine Angst vor Strafe, keine knechtische Furcht, keine panische Scheu. Es ist Ehrfurcht, Respekt, heiliger Ernst. Es ist die Haltung, die weiß: Gott sieht mich, Gott kennt mich, Gott beurteilt mich. Ich kann nichts vor ihm verbergen, ich kann ihn nicht täuschen, ich kann nicht spielen.
Gottesfurcht hält uns ab von Leichtsinn, von Gleichgültigkeit, von Oberflächlichkeit. Sie bewahrt uns vor billigem Gnadenverständnis, vor laxer Ethik, vor weltförmigem Leben. Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, heißt es in den Sprüchen 9,10. Wer Gott fürchtet, der lebt weise, vorsichtig, besonnen. Er spielt nicht mit der Sünde, er kokettiert nicht mit der Welt, er geht nicht leichtfertig mit der Gnade um.
Und doch gibt es Christen unter uns, die leben, wie sie wollen, die keine Gottesfurcht kennen, die den heiligen Ernst des Glaubens verloren haben. Sie reden von Gnade, aber sie gebrauchen sie als Deckmantel für Gleichgültigkeit. Sie nennen Christus ihren Herrn, aber sie lassen sich von der Welt bestimmen. An solchen Dingen erkennt man, ob ein Glaube echt ist oder nicht. Denn ein Glaube, der keine Gottesfurcht hervorbringt, ist kein lebendiger Glaube. Ein Glaube, der nicht zur Umkehr führt, ist ein toter Glaube.
Dies zu beurteilen ist uns gestattet – nicht um zu verurteilen, sondern um zu unterscheiden. Die Heilige Schrift ruft uns zur Prüfung der Geister, zur Unterscheidung der Früchte, zur nüchternen Erkenntnis dessen, was wahr und was nur äußerlich ist. Doch diese Prüfung beginnt immer bei uns selbst: Wer Gottesfurcht fordert, muss sie zuerst leben; wer den Glauben anderer beurteilt, muss seinen eigenen vor Gott verantworten.
„Und diese Gottesfurcht soll uns begleiten, solange wir hier in der Fremde weilen.“ Petrus erinnert seine Leser daran, dass sie Fremde sind, Pilger, Durchreisende in dieser Welt. Das ist ein zentrales Thema des ersten Petrusbriefes. Schon in Vers 1 hat er die Adressaten als „Fremdlinge der Zerstreuung“ bezeichnet. Die Christen gehören nicht wirklich zu dieser Welt. Ihre Heimat ist im Himmel, wie Paulus im Philipperbrief 3,20 schreibt: „Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel.“
Wir leben hier als Gäste, als Fremde, als Wanderer auf dem Weg zur ewigen Heimat. Das bedeutet nicht Weltflucht, nicht Gleichgültigkeit gegenüber irdischen Aufgaben. Aber es bedeutet eine andere Perspektive, eine andere Wertordnung, eine andere Bindung. Wir investieren nicht alle unsere Hoffnung, alle unsere Energie, alle unsere Liebe in diese vergängliche Welt. Wir leben hier, aber wir leben auf die Zukunft hin. Wir erfüllen unsere Pflichten, aber unser Herz hängt am Himmel. Wir lieben die Menschen um uns herum, aber unsere letzte Sehnsucht gilt der Gemeinschaft mit Gott.
Der Hebräerbrief 11,13-16 beschreibt die Glaubenshelden des Alten Testaments und sagt: „Diese alle sind gestorben im Glauben und haben das Verheißene nicht erlangt, sondern es nur von ferne gesehen und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden sind. Wenn sie aber solches sagen, geben sie zu verstehen, dass sie ein Vaterland suchen. Und wenn sie das im Sinn gehabt hätten, von dem sie ausgezogen waren, hätten sie ja Zeit gehabt, wieder umzukehren. Nun aber streben sie zu einem besseren Land, nämlich dem himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott zu heißen; denn er hat ihnen eine Stadt gebaut.“
Das ist unsere Bestimmung: Fremdlinge hier, Bürger dort. Pilger jetzt, Bewohner der himmlischen Stadt dann.
Und als solche Fremdlinge sollen wir in Gottesfurcht wandeln. Nicht in Weltfurcht, nicht in Menschenfurcht, sondern in Gottesfurcht. Nicht ängstlich vor den Urteilen der Menschen, sondern ehrfürchtig vor dem Urteil Gottes. Nicht besorgt um den Beifall der Welt, sondern bedacht auf das Wohlgefallen Gottes. Diese Gottesfurcht ist kein Widerspruch zur Freiheit der Kinder Gottes, sondern ihre Vollendung. Wer Gott fürchtet, der fürchtet nichts anderes mehr. Wer Gott ehrt, der ist frei von der Knechtschaft menschlicher Meinungen. Wer vor Gott lebt, der lebt wahrhaft frei.
So verbindet Petrus in diesen wenigen Versen die großen Themen christlicher Existenz: Hoffnung und Gehorsam, Gnade und Heiligkeit, Kindschaft und Furcht, Heimat im Himmel und Leben in der Fremde.
Er zeigt, dass der christliche Glaube nicht nur eine innere Überzeugung ist, nicht nur ein privates Gefühl, sondern eine Lebensweise, die das ganze Dasein prägt. Wir leben aus der Gnade, aber wir leben zur Heiligkeit. Wir vertrauen auf die Gnade, aber wir nehmen die Heiligkeit ernst. Wir sind Kinder Gottes, aber wir sind gehorsame Kinder. Wir nennen Gott Vater, aber wir fürchten ihn als Richter.
Wir sind gerettet durch Gnade, aber wir werden gerichtet nach unseren Werken. Wir sind Bürger des Himmels, aber wir leben verantwortlich auf der Erde. Das ist die Spannung, in der christliches Leben sich vollzieht – und diese Spannung ist heilsam, fruchtbar, lebensfördernd. Sie bewahrt vor Schwärmerei und vor Gleichgültigkeit, vor Selbstgerechtigkeit und vor Verantwortungslosigkeit, vor falscher Sicherheit und vor ängstlicher Verzagtheit. Sie hält uns auf dem schmalen Weg, auf dem Weg der Nachfolge, auf dem Weg, den Christus uns vorausgegangen ist.
Der Kleine Katechet
Kommentare von Der Kleine Katechet