Petrus bricht in Lobpreis aus: Gott hat uns wiedergeboren zu einer Hoffnung, die nicht stirbt, zu einem Erbe, das nicht vergeht. Mitten in Anfechtung leuchtet die Herrlichkeit des Auferstandenen.
1.Petrus 1,3-12: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit. Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit. Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, die für euch bestimmt ist, und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutete, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach. Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienen sollten mit dem, was euch nun verkündigt ist durch die, die euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist, was auch die Engel begehren zu schauen.“
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus.“ So beginnt Petrus nun den eigentlichen Brieftext, und er beginnt nicht mit Klage, nicht mit Ermahnung, nicht mit Bitte, sondern mit Lobpreis. Das ist die Grundmelodie des christlichen Lebens: Lob. Dank. Anbetung. Bevor wir über unsere Sorgen sprechen, bevor wir unsere Anfechtungen ausbreiten, bevor wir um Hilfe rufen, loben wir Gott. Das ist nicht Weltflucht, nicht fromme Verdrängung. Es ist geistliche Ordnung. Es ist der Blick auf die Wirklichkeit Gottes, bevor wir auf unsere eigene Wirklichkeit schauen. Es ist der Blick nach oben, bevor wir um uns schauen.
Petrus weiß, dass seine Leser in Bedrängnis leben, dass sie leiden, dass sie angefochten sind. Aber er beginnt mit dem Lob Gottes, weil dieses Lob das Fundament ist, auf dem alles andere stehen kann und stehen soll.
Wer Gott lobt, der erinnert sich daran, wer Gott ist und was Gott getan hat. Wer Gott lobt, der richtet seine Seele aus auf das Evangelium, auf die Gnade, auf die Treue Gottes.
Und was ist der Grund dieses Lobpreises? Petrus sagt: „Gott hat uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren.“ Das Wort Wiedergeburt ist ein starkes, gewaltiges Wort. Es meint nicht Verbesserung, nicht Erziehung, nicht Entwicklung. Es meint einen völligen Neuanfang, eine neue Schöpfung. Paulus schreibt im zweiten Korintherbrief 5,17: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Wir waren tot in unseren Sünden, wie es im Epheserbrief 2,1 heißt, tot für Gott, tot in unserem Herzen, tot in unserer Hoffnung.
Aber Gott hat uns lebendig gemacht. Er hat uns neu geboren. Das ist nicht unser Werk. Das ist nicht unsere Entscheidung. Das ist Gottes souveränes Handeln. Und es geschieht aus seiner großen Barmherzigkeit. Nicht weil wir es verdient hätten. Nicht weil wir danach gesucht hätten. Nicht weil wir besonders fromm oder gut gewesen wären. Sondern aus reinem Erbarmen, aus überströmender Liebe, aus freier Gnade. Die Barmherzigkeit Gottes ist der einzige Grund unserer Rettung.
Martin Luther hat das in seinem Katechismus so schön gesagt: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“ Das ist die Wiedergeburt aus Gottes Barmherzigkeit.
Und ist uns diese Barmherzigkeit überhaupt bewusst? Manche Christen gehen durchs Leben, als hätten sie die Barmherzigkeit verdient und als wäre sie eine Selbstverständlichkeit. Doch wer Gottes Erbarmen für selbstverständlich hält, hat aufgehört zu staunen. Er hat vergessen, aus welcher Tiefe Gott ihn herausgerufen hat. Die Wiedergeburt wird dann zu einem theologischen Begriff, nicht zu einem lebendigen Wunder.
Aber die Heilige Schrift ruft uns immer wieder zurück zur Demut: „Denn wer gibt dir einen Vorrang? Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich dann, als hättest du es nicht empfangen?“ (1. Korinther 4,7). Wenn wir uns erinnern, dass alles Gnade ist – unser Glaube, unser neues Leben, unsere Hoffnung –, dann wächst in uns ein Lobpreis, der nicht aus Pflicht kommt, sondern aus überwältigter Dankbarkeit. Denn wer Gottes Barmherzigkeit wirklich erkennt, kann nicht anders, als sie zu preisen.
Und wozu sind wir wiedergeboren? „Zu einer lebendigen Hoffnung.“ Das ist ein wunderbarer Ausdruck. Hoffnung ist normalerweise etwas Zukünftiges, etwas Unsicheres, etwas, das vielleicht eintrifft oder vielleicht nicht. Aber Petrus spricht von einer lebendigen Hoffnung, einer Hoffnung, die jetzt schon lebt, die jetzt schon wirkt, die jetzt schon trägt. Diese Hoffnung ist nicht bloßer Wunsch oder frommes Warten. Sie ist gewiss, fest, unerschütterlich. Sie ist eine Hoffnung, die uns jetzt schon erfüllt, die uns jetzt schon stärkt, die uns jetzt schon tröstet.
Und der Grund dieser lebendigen Hoffnung ist die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Das ist das Zentrum, das Herz, die Mitte des christlichen Glaubens. Ohne die Auferstehung wäre unser Glaube vergeblich, wie Paulus im ersten Korintherbrief 15,14 sagt: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.“ Aber Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Das leere Grab am Ostermorgen ist keine Legende, keine Erfindung, keine fromme Hoffnung. Es ist historische Tatsache, bezeugt von den Aposteln, besiegelt mit ihrem Blut.
Jesus Christus, der Gekreuzigte, lebt. Er hat den Tod besiegt. Er hat die Macht der Sünde gebrochen. Er hat das Grab geöffnet. Und weil er lebt, leben auch wir. Weil er auferstanden ist, werden auch wir auferstehen. Das ist unsere lebendige Hoffnung.
Diese Hoffnung richtet sich auf ein Erbe, und Petrus beschreibt dieses Erbe mit drei wunderbaren Worten: „unvergänglich, unbefleckt, unverwelklich.“ Jedes dieser Worte ist eine Verneinung, ein Nein zu allem, was diese Welt kennzeichnet. „Unvergänglich“, das heißt: nicht dem Verfall unterworfen. Alles in dieser Welt vergeht. Häuser zerfallen. Reiche vergehen. Ruhm verblasst. Schönheit welkt. Gesundheit schwindet. Selbst Gold und Silber rosten und werden von Motten zerfressen, wie Jesus im Matthäusevangelium 6,19-20 sagt. Aber unser Erbe in Christus ist unvergänglich. Es bleibt ewig.
„Unbefleckt“, das heißt: rein, heilig, ohne Makel. Alles in dieser Welt ist befleckt von Sünde, von Schuld, von Egoismus, von Lüge. Selbst unsere besten Werke sind durchsetzt von Stolz und Eigennutz. Aber unser Erbe in Christus ist rein, makellos, vollkommen.
„Unverwelklich“, das heißt: immer frisch, immer neu, immer lebendig. Die Blumen verwelken. Die Jugend vergeht. Die Freude dieser Welt ist flüchtig. Aber unser Erbe in Christus verwelkt niemals. Es bleibt ewig schön, ewig frisch, ewig herrlich. Das ist das Erbe, das Gott für uns bereitet hat.
Und wo ist dieses Erbe? „Es ist aufbewahrt im Himmel.“ Es liegt nicht hier auf Erden, wo Diebe einbrechen und stehlen können, wo Rost und Motten es zerstören. Es ist sicher verwahrt bei Gott selbst, im Himmel, jenseits aller irdischen Gefährdung. Niemand kann es uns rauben. Keine Macht der Welt, keine Verfolgung, keine Anfechtung kann uns dieses Erbe nehmen. Es ist aufbewahrt für euch, sagt Petrus. Es gehört uns schon jetzt, auch wenn wir es noch nicht sehen, auch wenn wir es noch nicht besitzen. Es ist unser Erbteil, unser Eigentum, unser Schatz.
Aber nicht nur das Erbe ist bewahrt, auch wir selbst sind bewahrt. Petrus sagt: „die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit.“ Das ist doppelter Trost. Erstens: Wir werden bewahrt aus Gottes Macht, nicht aus unserer eigenen Kraft. Es ist nicht unsere Treue, die uns erhält, sondern Gottes Treue. Es ist nicht unser Festhalten, das uns sichert, sondern Gottes Halten. Jesus sagt im Johannes-Evangelium 10,28-29: „…und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen.“ Wir sind gehalten von Gottes Allmacht.
Zweitens: Diese Bewahrung geschieht durch den Glauben. Der Glaube ist das Mittel, durch das wir die Bewahrung Gottes empfangen. Der Glaube ist nicht unser Werk, sondern Gottes Gabe, aber er ist das Band, das uns mit Christus verbindet. Wo echter Glaube ist, da ist Christus. Wo Christus ist, da ist Rettung. Und das Ziel dieser Bewahrung ist die Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit. Das ist die vollkommene, endgültige Rettung, die Erlösung von allem Bösen, die Verwandlung in Gottes Herrlichkeit. Sie ist schon bereit, schon vorbereitet, sie wartet nur darauf, offenbart zu werden am letzten Tag, wenn Christus wiederkommt in Herrlichkeit.
„Dann“, sagt Petrus, „werdet ihr euch freuen.“ Das ist eine gewaltige Zusage. Jetzt ist oft Traurigkeit, jetzt sind mancherlei Anfechtungen. Die Christen, an die Petrus schreibt, leiden. Sie werden verspottet, verfolgt, ausgegrenzt. Sie erleben Verlust, Schmerz, Bedrängnis. Petrus verschweigt das nicht, er beschönigt es nicht. Er sagt ehrlich: „ihr seid jetzt eine kleine Zeit traurig in mancherlei Anfechtungen.“ Das Wort Anfechtung umfasst alles, was den Glauben bedrängt, was die Seele belastet, was das Herz schwer macht. Es sind nicht nur äußere Verfolgungen, sondern auch innere Kämpfe, Zweifel, Ängste, Sorgen.
Aber Petrus sagt: „es ist nur eine kleine Zeit.“ Im Licht der Ewigkeit ist alle irdische Trübsal kurz, vergänglich, vorübergehend. Paulus schreibt im zweiten Korintherbrief 4,17: „Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.“ Das ist nicht Vertröstung, nicht Verdrängung. Das ist nüchterner, realistischer Blick auf die Proportionen. Unser Leiden ist real, aber es ist zeitlich. Unsere Herrlichkeit ist zukünftig, aber sie ist ewig.
Und dieses Leiden hat einen Sinn, einen Zweck. Petrus sagt: „damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird.“ Das Bild vom Läutern des Goldes ist eindrücklich. Gold wird durch Feuer gereinigt, die Schlacken werden ausgeschieden, das Reine bleibt übrig. So ist es mit dem Glauben. In der Anfechtung zeigt sich, ob unser Glaube echt ist oder nur äußerlicher Schein.
In der Prüfung wird der Glaube geläutert, gereinigt, gestärkt. Das Unechte fällt ab, das Echte bleibt bestehen. Und dieser geprüfte, geläuterte Glaube ist kostbarer als Gold. Gold ist vergänglich, es rostet, es vergeht. Aber der Glaube ist unvergänglich. Er führt zum ewigen Leben. Er verbindet uns mit Christus. Er öffnet uns die Tür zum Himmel. Und dieser Glaube wird zu Lob, Preis und Ehre befunden werden, wenn offenbart wird Jesus Christus. Am letzten Tag, wenn Christus wiederkommt, wird unser Glaube nicht beschämt werden. Er wird als echt, als kostbar, als herrlich befunden werden. Und dann wird nicht uns die Ehre zuteil, sondern Christus. Unser Glaube wird zur Ehre Jesu Christi gereichen, wird ihn verherrlichen, wird seinen Namen groß machen.
Und nun kommt Petrus zu einem zentralen Punkt: „Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb.“ Das ist das Geheimnis des christlichen Glaubens. Wir haben Jesus nicht mit leiblichen Augen gesehen. Wir haben nicht mit ihm gegessen, nicht mit ihm geredet, nicht seine Wundertaten mit eigenen Augen erlebt. Wir leben zweitausend Jahre nach seiner irdischen Gegenwart. Und doch lieben wir ihn. Und doch vertrauen wir ihm. Und doch hängt unser Herz an ihm. Wie ist das möglich?
Nur durch den Heiligen Geist, „der die Liebe Christi in unsere Herzen ausgießt“, wie Paulus im Römerbrief 5,5 schreibt. „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi„, wie es im Römerbrief 10,17 heißt. Wir hören das Wort, und der Heilige Geist wirkt durch dieses Wort den Glauben in unserem Herzen. Und dieser Glaube ist keine kalte Überzeugung, keine bloße Zustimmung zu Lehrsätzen. Er ist lebendige Liebe zu Christus, persönliche Beziehung, herzliche Gemeinschaft. Jesus selbst hat das im Johannes-Evangelium 20,29 zu Thomas gesagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
Das ist unsere Seligkeit. Wir glauben, ohne zu sehen. Wir lieben, ohne leiblich bei ihm zu sein. Und dieser Glaube ist fester, gewisser, tragfähiger als alles irdische Sehen.
„Und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht“, fährt Petrus fort. Das ist die Gegenwart des Glaubens. Jetzt, in dieser Zeit, in dieser Welt, glauben wir an den unsichtbaren Christus. Wir leben aus seinem Wort, aus seiner Verheißung, aus seiner Gegenwart im Heiligen Geist. Das ist manchmal schwer. Manchmal scheint Gott fern, manchmal scheint er zu schweigen, manchmal fühlen wir seine Nähe nicht. Aber der Glaube hält fest an dem, was Gott gesagt hat, nicht an dem, was wir fühlen. Der Glaube klammert sich an Christus, auch wenn die Gefühle schwanken, auch wenn die Zweifel nagen, auch wenn die Dunkelheit drückt. Das ist der Glaube, der bewahrt wird zur Seligkeit.
Aber dieser Glaube hat ein Ziel, eine Erfüllung, eine Krönung. Petrus sagt: „Ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.“ Das ist die große Verheißung. Jetzt ist Kampf, jetzt ist Anfechtung, jetzt ist Traurigkeit. Aber dann, am Ende, wartet Freude. Nicht eine kleine, alltägliche Freude, sondern eine Freude, die unaussprechlich ist, die man mit Worten nicht beschreiben kann, eine Freude, die herrlich ist, die von Gottes Herrlichkeit durchstrahlt ist.
Diese Freude ist nicht menschliches Hochgefühl, nicht seelische Euphorie, nicht künstlich erzeugtes Glücksgefühl. Sie ist die Freude der Vollendung, die Freude des Ziels, die Freude der erfüllten Hoffnung. Und dieses Ziel ist die Seligkeit der Seelen, das ewige Heil, die vollkommene Gemeinschaft mit Gott, die endgültige Erlösung von allem Bösen. Das ist das Ziel unseres Glaubens. Dafür glauben wir. Dafür leben wir. Dafür kämpfen wir. Dafür leiden wir. Und dieses Ziel ist gewiss, weil Christus auferstanden ist, weil Gott treu ist, weil die Verheißung feststeht.
Und nun weitet Petrus den Blick. Diese Seligkeit, die uns verheißen ist, ist nicht etwas Neues, etwas Unvermitteltes. Sie steht in der langen Linie der Heilsgeschichte Gottes. Petrus sagt: „Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, die für euch bestimmt ist.“
Die Propheten des Alten Testaments, Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel und alle anderen, haben diese Gnade vorausgesehen, vorausverkündigt, vorausgeahnt. Sie haben nicht in ihre eigene Zeit hinein gesprochen, sondern in die Zukunft. Sie haben von einem kommenden Retter geredet, von einem leidenden Knecht, von einem herrlichen König, von einem neuen Bund. Jesaja 53 beschreibt den leidenden Gottesknecht, der unsere Krankheit trägt und unsere Schmerzen auf sich lädt, der um unserer Sünde willen verwundet und um unserer Missetat willen zerschlagen wird. Jeremia 31,31-34 verkündigt den neuen Bund, den Gott mit seinem Volk schließen wird, einen Bund nicht auf Steintafeln, sondern ins Herz geschrieben.
Die Propheten haben all das vorausgesehen, aber sie haben es nicht selbst erlebt. Sie haben gesucht und geforscht, sie haben nachgedacht und gebetet, sie haben sich gefragt: Wann wird das geschehen? Wie wird das geschehen? Wer ist dieser kommende Retter?
Und Petrus sagt: „Sie haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutete, der in ihnen war.“ Das ist ein bemerkenswerter Satz. Der Geist Christi war schon in den Propheten. Christus selbst, durch seinen Geist, hat durch die Propheten gesprochen. Die alttestamentlichen Weissagungen sind nicht menschliche Spekulationen, sondern göttliche Offenbarung. Der Geist Christi hat zuvor bezeugt die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach. Die Propheten haben vorausgesehen, dass der Messias leiden würde.
Das war für die Juden ein Skandal, ein Ärgernis. Sie erwarteten einen siegreichen König, einen mächtigen Befreier. Aber die Schrift sprach von Leiden, von Schmerz, von Tod. Und nach dem Leiden würde Herrlichkeit kommen. Nach dem Tod würde Auferstehung kommen. Nach der Erniedrigung würde Erhöhung kommen. Die Propheten haben das gesehen, aber sie haben es nicht verstanden. Es war ein Geheimnis, ein Rätsel, das erst in Christus gelöst wurde.
Und Petrus sagt: „Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienen sollten.“ Die Propheten haben nicht für ihre eigene Generation geweissagt, sondern für uns. Sie haben Worte gesprochen, deren Erfüllung sie nicht mehr erleben würden. Sie haben auf eine Zukunft hingewiesen, die Jahrhunderte entfernt war. Aber sie haben treu gedient, haben treu verkündigt, haben treu gewartet.
Und nun ist diese Zukunft Gegenwart geworden. Was die Propheten vorausgesagt haben, ist in Christus erfüllt. Was sie erhofft haben, ist Wirklichkeit geworden. Und diese Erfüllung ist uns verkündigt worden durch die, die euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist. Die Apostel, die das Evangelium predigen, stehen in direkter Linie mit den Propheten. Sie verkündigen dieselbe Heilsbotschaft, nur jetzt in ihrer Erfüllung. Und sie tun es nicht aus eigener Kraft, sondern durch den Heiligen Geist, denselben Geist, der in den Propheten war, denselben Geist, der Christus auferweckt hat, denselben Geist, der uns wiedergeboren hat.
Manchmal hat man den Eindruck, dass viele dieses Geheimnis nicht verstehen. Sie hören die Worte, aber sie erfassen nicht die Tiefe. Sie kennen die Geschichte Jesu, aber nicht das Wunder seiner Erniedrigung und Erhöhung. Für sie ist das Leiden Christi ein theologischer Hintergrund, kein heilsgeschichtlicher Wendepunkt. Doch wer das Geheimnis nicht erkennt, dem bleibt auch die Herrlichkeit verborgen.
Denn nur wer den Weg des Leidens sieht, versteht die Größe der Erfüllung. Nur wer begreift, wie dunkel der Weg war, kann das Licht der Auferstehung wirklich feiern. Das Evangelium verliert seine Schärfe, seine Heilsgeschichte, wenn das Kreuz seinen Skandal verliert. Darum ruft uns Petrus hinein in dieses Geheimnis – nicht damit wir es analysieren, sondern damit wir es anbeten.
Und dann schließt Petrus mit einem erstaunlichen Satz: „was auch die Engel begehren zu schauen.“ Die Engel, die himmlischen Wesen, die ständig in Gottes Gegenwart sind, die ihm dienen Tag und Nacht, sie sehnen sich danach, in diese Dinge hineinzuschauen.
Das Geheimnis der Erlösung, das Geheimnis von Kreuz und Auferstehung, das Geheimnis der Gnade Gottes für verlorene Sünder ist so groß, so wunderbar, so herrlich, dass selbst die Engel es mit Staunen betrachten.
Paulus schreibt im Epheserbrief 3,10, dass durch die Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes den Mächten und Gewalten im Himmel kundgetan wird: „…damit jetzt kundwerde die mannigfaltige Weisheit Gottes den Mächten und Gewalten im Himmel durch die Gemeinde.“ Die Engel lernen durch die Gemeinde, durch die Erlösung der Menschen, etwas über Gott, was sie vorher nicht wussten. Sie sehen die Tiefe der Liebe Gottes, die Weite seiner Gnade, die Herrlichkeit seines Erbarmens. Und wenn die Engel begehren, diese Dinge zu schauen, wie viel mehr sollten wir, die wir diese Gnade empfangen haben, die wir diese Erlösung besitzen, uns darüber freuen, darüber staunen, dafür danken!
Aber das Gegenteil ist der Fall: Wir haben das Staunen verlernt. Wir nehmen die Gnade, die wir empfangen haben, für selbstverständlich. Die Freude ist uns abhandengekommen, das heilige Erschrecken über die Größe Gottes ist verblasst. Wir staunen nicht mehr über die großen Geheimnisse Gottes. Wir tun so, als ob wir alle Geheimnisse Gottes schon wüssten, als ob wir das Evangelium vollständig begriffen hätten. Statt zu staunen, zu danken, zu preisen, diskutieren die heutigen Christen über Gottes Wort – oft mit großer Schärfe –, und doch verstehen sie die Tiefe nicht. Die Engel begehren hineinzuschauen, und wir gehen achtlos daran vorbei.
Vielleicht ist es Zeit, dass wir wieder lernen, wie man staunt. Wie man sich klein macht vor der Größe Gottes. Wie man sich freuen lernt über das, was uns geschenkt wurde. Denn wer das Staunen verliert, verliert auch die Anbetung.
So führt Petrus seine Leser vom Lobpreis zur Hoffnung, von der Hoffnung zum Trost, vom Trost zur Freude. Mitten in Anfechtung und Leiden richtet er den Blick auf das, was Gott getan hat, was Gott tut, was Gott tun wird. Er erinnert an die Wiedergeburt durch Gottes Barmherzigkeit, an die lebendige Hoffnung durch die Auferstehung Christi, an das unvergängliche Erbe im Himmel, an die Bewahrung durch Gottes Macht, an die kommende Herrlichkeit.
Er zeigt, dass unser Leiden nicht sinnlos ist, sondern zur Läuterung des Glaubens dient. Er weist darauf hin, dass wir Teil einer großen Heilsgeschichte sind, die von den Propheten vorausgesagt, von Christus erfüllt, von den Aposteln verkündigt und selbst von den Engeln bewundert wird.
Das alles geschieht nicht, damit wir stolz werden, sondern damit wir Gott loben, ihm vertrauen, ihn lieben, auf ihn hoffen. Das ist der Kern des christlichen Lebens: Leben aus der Hoffnung auf die unsichtbare, aber gewisse Herrlichkeit, die Gott für uns bereitet hat in Christus Jesus, unserem Herrn.
Der Kleine Katechet
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