Nach der großartigen Darstellung der Erlösung durch das kostbare Blut Christi und der Wiedergeburt durch das unvergängliche Wort Gottes folgt nun die praktische Konsequenz. Petrus zeigt, wie das neue Leben aussehen soll: ein Leben der Ablehnung des Alten, der Begierde nach geistlicher Nahrung, des Wachstums in der Heiligung. Und er führt uns zu Christus, dem lebendigen Stein, und zur Gemeinschaft der Gläubigen, dem geistlichen Haus Gottes.
1.Petrus 2,1-5: „So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist. Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“
„So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede.“ Das Wort So (οὖν, oun) verbindet diesen Abschnitt mit dem Vorangegangenen. Es ist eine Schlussfolgerung, eine logische Konsequenz. Weil ihr wiedergeboren seid aus unvergänglichem Samen, weil ihr erlöst seid durch das kostbare Blut Christi, weil ihr das lebendige Wort empfangen habt – darum legt nun ab das alte Wesen. Die Erlösung führt zur Heiligung. Die Wiedergeburt führt zur Verwandlung. Das neue Leben erfordert das Ablegen des alten Lebens.
Das Verb „ablegen“ (ἀποθέμενοι, apothemenoi) ist ein starkes Wort. Es bedeutet: ausziehen, wegwerfen, abstreifen wie ein altes, schmutziges Kleidungsstück. Es ist ein einmaliger, entschiedener Akt, aber auch eine bleibende Haltung. Paulus verwendet dasselbe Bild in Kolosser 3,8-9: „Nun aber legt auch ihr das alles ab: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde; belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen.“
Und in Epheser 4,22-24: „Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“
Das Ablegen ist nicht optional, nicht ein Vorschlag für besonders Fromme, nicht ein Ideal für Fortgeschrittene. Es ist ein Gebot für alle Wiedergeborenen. Es ist die notwendige Folge der Wiedergeburt. Wer aus Gott geboren ist, kann nicht im alten Wesen bleiben. Wer ein neues Herz empfangen hat, muss das alte Leben ablegen. Das bedeutet nicht, dass wir bereits vollkommen sind, dass wir nie mehr sündigen, dass wir nie mehr versagen. Aber es bedeutet, dass wir eine grundsätzlich neue Haltung haben, eine bewusste Entscheidung gegen die Sünde, einen entschiedenen Bruch mit dem alten Leben.
Zum neuen Leben gehört immer wieder das entschlossene Nein zur alten Sünde. Noch leben auch Christen im natürlichen Leib. Zwar wohnt der Geist in Herzen, aber der Nährboden für die Bosheiten ist immer da und jede keimende Pflanze der Bosheit muss konsequent ausgerissen werden, sonst wuchert sie empor. Die „Laster“, die Petrus jetzt nennt, sind nicht die Wirklichkeit der Gemeinde, aber immer vorhandene Möglichkeit.
Petrus zählt fünf konkrete Dinge auf, die abgelegt werden müssen:
1. Alle Bosheit (κακία, kakia)
Das ist ein umfassender Begriff für alles Böse, alle Schlechtigkeit, alle moralische Verkehrtheit. Es ist die innere Neigung zum Bösen, die böse Gesinnung, das Übel in allen seinen Formen. Es ist die Wurzel, aus der alle spezifischen Sünden hervorwachsen. Unser Herr und Heiland selbst liest auf, was aus dem bösen Herzen kommt: „Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. All dies Böse kommt von innen heraus und macht den Menschen unrein“ (Markus 7,21-23). Die Bosheit muss abgelegt werden – nicht teilweise, nicht punktuell, sondern ganz, radikal, vollständig.
Das Böse ist im Herzen angesiedelt und bestimmt alles Handeln, wie schon Gott urteilt: „Des Menschen Herz ist böse von Jugend auf“ (1.Mose 8,21). Diese Bosheit kann ich nicht aus eigener Kraft „ablegen“. Dazu braucht es die das Herz verändernde Kraft des Heiligen Geistes.
2. Allen Betrug (δόλος, dolos)
Das Wort bedeutet List, Täuschung, Hinterlist, Falschheit. Es ist das Gegenteil von Aufrichtigkeit und Wahrheit. Es ist das Bemühen, andere zu täuschen, zu manipulieren, zu betrügen. Jesus nannte Nathanael „ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist“ (Johannes 1,47). Und von Christus selbst schreibt Petrus in Kapitel 2,22: „In dessen Mund sich kein Betrug fand.“ Wer zu Christus gehört, soll frei sein von Betrug, von Falschheit, von Unaufrichtigkeit. Die Wahrheit soll unser Leben prägen, nicht die Lüge. Epheser 4,25: „Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten.“
Darum braucht es einen geistlichen Realitätscheck, der nicht nach außen, sondern nach innen zielt. Hier müssen sich die Christen selbst fragen, ob ihr Bekenntnis und ihr tatsächliches Leben wirklich übereinstimmen. Christsein bedeutet nicht nur, die Wahrheit zu kennen, sondern sie zu lieben, zu leben und zu hüten. Es bedeutet, dass unser Umgang miteinander geprägt ist von Klarheit, Offenheit, Wahrhaftigkeit – und dass wir uns nicht hinter frommen Worten verstecken, während unser Herz etwas anderes denkt. Wer sich zu Christus bekennt, stellt sich unter das Licht, das alles aufdeckt: die verborgenen Motive, die kleinen Täuschungen, die bequemen Ausreden. Christsein heißt, die Wahrheit nicht nur zu verkünden, sondern sie zuerst selbst zuzulassen – auch dann, wenn sie uns herausfordert oder beschämt. Nur so wird die Gemeinde zu einem Ort, an dem die Wahrheit Christi wirklich sichtbar wird.
3. Heuchelei (ὑπόκρισις, hypokrisis)
Ursprünglich bedeutet das Wort Schauspielerei. Ein Heuchler ist jemand, der eine Rolle spielt, der vorgibt, jemand zu sein, der er nicht ist. Er trägt eine Maske, spielt eine fromme Rolle, zeigt nach außen eine Frömmigkeit, die innen nicht existiert. Jesus warnte eindringlich vor den Heuchlern, den Pharisäern, die nach außen gerecht erschienen, innen aber voller Bosheit waren (Matthäus 23). Jakobus schreibt: „Die Weisheit aber von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei“ (Jakobus 3,17). Gott sieht das Herz. Vor ihm nützt keine Maske, keine Schauspielerei, keine äußere Frömmigkeit. Er verlangt Echtheit, Aufrichtigkeit, Wahrheit im Innersten.
4. Neid (φθόνος, phthonos)
Neid ist der Schmerz über das Glück, den Erfolg, den Besitz anderer. Es ist die Missgunst, die dem anderen nicht gönnt, was er hat. Es ist eine der hässlichsten, zerstörerischsten Sünden. Schon Kain tötete Abel aus Neid (1. Mose 4,3-8). Die Brüder verkauften Josef aus Neid (1. Mose 37,11). Die Hohenpriester lieferten Jesus aus Neid aus (Matthäus 27,18). Sprüche 14,30 sagt: „Ein gelassenes Herz ist des Leibes Leben; aber Neid ist Eiter in den Gebeinen.“ Neid vergiftet die Seele, zerstört Gemeinschaften, verhindert Liebe. Paulus schreibt in 1. Korinther 13,4: „Die Liebe… eifert nicht.“ Wo Liebe ist, hat Neid keinen Platz.
5. Alle üble Nachrede (καταλαλιά, katalalia)
Das ist Verleumdung, übles Reden über andere, Rufschädigung, Verleumdung. Es ist die Zunge, die Gift verbreitet, Gerüchte streut, den Ruf anderer zerstört. Jakobus widmet ein ganzes Kapitel der Macht der Zunge (Jakobus 3,1-12): „Die Zunge ist ein Feuer… Von ihr kommt Segen und Fluch. Das soll nicht so sein, liebe Brüder.“ Psalm 15 fragt, wer im Heiligtum Gottes wohnen darf, und antwortet: „Wer… mit seiner Zunge nicht verleumdet, wer seinem Nächsten nichts Böses tut und keine Verleumdung verbreitet gegen seinen Nachbarn“ (Psalm 15,2-3). Üble Nachrede zerstört Gemeinschaften, verwundet Seelen, richtet Schaden an, der oft nicht mehr repariert werden kann. Sie muss radikal abgelegt werden.
Nicht selten sind es gerade Christen, die sich in diesem Punkt schuldig machen – oft nicht aus böser Absicht, sondern aus Unachtsamkeit, Verletztheit oder einem falsch verstandenen Eifer für die „Wahrheit“. Hier müssen sich Christen selbst fragen, wie schnell sie über andere reden, ohne die ganze Geschichte zu kennen; wie bereitwillig sie Gerüchte weitergeben, weil sie ins eigene Bild passen; wie leicht sie Worte aussprechen, die sie später nicht mehr zurückholen können.
Manchmal geschieht die Verleumdung sogar im frommen Gewand – als „Sorge“, als „Gebetsanliegen“, als „Hinweis“. Doch Christus ruft seine Gemeinde zu einem anderen Weg: zu einem Umgang miteinander, der den Ruf des anderen schützt, der die Würde des Bruders wahrt, der die Schwester nicht durch Worte verletzt. Wo Christen üble Nachrede betreiben, widersprechen sie dem Wesen dessen, dem sie folgen. Die Gemeinde Christi kann nur dann glaubwürdig sein, wenn sie die Zunge unter die Herrschaft des Herrn stellt.
Diese fünf Dinge – Bosheit, Betrug, Heuchelei, Neid, üble Nachrede – sind nicht zufällig gewählt. Sie alle zerstören Gemeinschaft. Sie alle verhindern die echte Bruderliebe, zu der Petrus in Kapitel 1,22 aufgerufen hat. Sie alle sind Ausdruck des alten, unerlösten Lebens. Und sie alle müssen abgelegt werden, wenn das neue Leben gedeihen soll.
Die Sehnsucht: Begierde nach geistlicher Nahrung
„Und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil.“ Nach der negativen Aufforderung (ablegen) folgt die positive (begehren). Es genügt nicht, das Alte abzulegen. Wir müssen auch das Neue aufnehmen. Es genügt nicht, die Sünde zu meiden. Wir müssen auch die Heiligung suchen. Es genügt nicht, gegen etwas zu sein. Wir müssen auch für etwas sein.
„Seid begierig“ (ἐπιποθήσατε, epipothēsate) ist ein starkes Wort. Es bedeutet sehnt euch, verlangt, begehrt intensiv. Es ist nicht eine milde Vorliebe, nicht ein gelegentliches Interesse, sondern ein tiefes, brennendes Verlangen. Es ist die Sehnsucht eines Dürstenden nach Wasser, eines Hungrigen nach Brot, eines Neugeborenen nach Milch. David schreibt in Psalm 42,2-3: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ Und in Psalm 119,20: „Meine Seele ist zermalmt vor Verlangen nach deinen Ordnungen allezeit.“ Das ist das Verlangen, das Petrus meint: eine tiefe, existenzielle Sehnsucht nach Gott, nach seinem Wort, nach geistlicher Nahrung.
Wonach sollen wir begierig sein? Nach „der vernünftigen lauteren Milch.“ Die Auslegung dieser Formulierung ist nicht ganz einfach. Das griechische Wort λογικός (logikos) kann bedeuten:
- geistlich (im Gegensatz zu materiell)
- vernünftig (im Gegensatz zu unvernünftig)
- zum Wort gehörend (von λόγος, logos = Wort)
Wahrscheinlich schwingt all dies mit. Es ist die geistliche Milch, die zum Wort Gottes gehört, die vernünftig ist (im Sinne von: dem Verstand entsprechend, nicht irrational). Paulus spricht in Römer 12,1 vom „vernünftigen Gottesdienst“ (λογικὴν λατρείαν, logikēn latreian). Es ist ein Gottesdienst, der dem Verstand entspricht, der sinnvoll ist, der geistlich ist.
Diese Milch ist „lauter“ (ἄδολος, adolos – ohne Betrug, ohne Verfälschung, rein). Sie ist nicht verwässert, nicht verfälscht, nicht vermischt mit Irrlehre oder Menschenlehre. Sie ist das reine Wort Gottes, die unverfälschte Wahrheit, die echte Lehre. Jeremia klagte über falsche Propheten, die das Volk mit Lügen nährten (Jeremia 23,25-28). Paulus warnte vor denen, die „das Wort Gottes verfälschen“ (2. Korinther 2,17). Die Milch, die wir begehren sollen, ist die reine, unverfälschte Wahrheit des Wortes Gottes.
Das Bild der „Milch“ ist absichtlich gewählt. Milch ist die erste Nahrung eines Neugeborenen, die natürliche, lebensnotwendige Nahrung für Säuglinge. Ein Neugeborenes hat ein instinktives, starkes Verlangen nach Milch. Es schreit danach, sucht danach, kann nicht ohne sie leben. Und genauso, sagt Petrus, sollen wir als „neugeborene Kindlein“ (ἀρτιγέννητα βρέφη, artigennēta brephē) nach dem Wort Gottes verlangen. Wir sind wiedergeboren (Kapitel 1,3.23) – also sind wir geistliche Neugeborene. Und als Neugeborene brauchen wir Nahrung, Wachstumsnahrung, lebenserhaltende Nahrung.
Paulus verwendet dasselbe Bild in 1. Korinther 3,1-2: „Und ich, liebe Brüder, konnte nicht mit euch reden wie mit geistlichen, sondern wie mit fleischlichen Menschen, wie mit unmündigen Kindern in Christus. Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen.“
Und der Hebräerbrief 5,12-14 tadelt die Adressaten: „Denn ihr solltet längst Lehrer sein, habt aber wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der göttlichen Worte lehre und dass man euch Milch gebe und nicht feste Speise. Denn wem man noch Milch geben muss, der ist unerfahren in dem Wort der Gerechtigkeit, denn er ist ein kleines Kind. Feste Speise aber ist für die Vollkommenen.“
Bei Petrus ist die Betonung allerdings leicht anders. Er tadelt nicht die Unreife, sondern betont die Notwendigkeit des Wachstums. Die Milch ist hier nicht negativ (als Zeichen der Unreife), sondern positiv (als notwendige Nahrung für Wachstum). Das Ziel ist: „damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil.“ Das Wort „zunehmt“ (αὐξηθῆτε, auxēthēte) bedeutet wachst, nehmt zu, macht Fortschritt. Geistliches Leben ist nicht statisch. Es ist dynamisch. Es wächst, entwickelt sich, reift. Ein gesundes Kind wächst. Ein Kind, das nicht wächst, ist krank. Genauso ist es im geistlichen Leben. Wer nicht wächst, ist geistlich krank. Wer nicht zunimmt in der Erkenntnis Gottes, in der Heiligung, in der Liebe, in der Hoffnung, der stagniert, der verkümmert.
Das Ziel des Wachstums ist „euer Heil“ (σωτηρία, sōtēria). Das Heil ist nicht nur ein einmaliges Ereignis (die Bekehrung), sondern auch ein Prozess (die Heiligung) und ein zukünftiges Ziel (die Verherrlichung). Paulus schreibt in Philipper 2,12: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ Nicht dass wir uns selbst erlösen könnten – aber wir sollen in der Erlösung wachsen, fortschreiten, zur Vollendung gelangen. Und das geschieht durch die Nahrung des Wortes Gottes.
Das ist die neue Lebensrichtung: Christen sind durch den Geist Gottes in ihrem Wollen und Wünschen verändert. Ihre Sehnsucht ist nach ihrem Herrn und seinem Wort. Sie sind „wie neugeborene Kindlein.“
Die Grundlage: Das Schmecken der Freundlichkeit des Herrn
„Da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.“ Das ist die Begründung für die Begierde nach dem Wort. Wir sollen danach verlangen, weil wir bereits geschmeckt haben, weil wir bereits erfahren haben, weil wir bereits gekostet haben von der Freundlichkeit des Herrn.
Petrus zitiert hier Psalm 34,9: „Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!“ Das Wort „schmecken“ (γεύομαι, geuomai) bedeutet kosten, probieren, erfahren. Es ist nicht ein theoretisches Wissen, nicht bloße Information, sondern persönliche Erfahrung. Man kann über Honig lesen, aber man kennt ihn erst wirklich, wenn man ihn geschmeckt hat. Man kann über Gott hören, aber man kennt ihn erst wirklich, wenn man ihn erfahren hat. Die Wiedergeborenen haben Gott erfahren, seine Gnade geschmeckt, seine Freundlichkeit gekostet.
Das Wort „freundlich“ (χρηστός, chrēstos) bedeutet gütig, gnädig, wohlwollend, liebevoll. Es ist ein Wort, das die Sanftmut, die Milde, die Güte Gottes beschreibt. Jesus sagt in Matthäus 11,30: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Das Wort „sanft“ ist dasselbe wie hier. Paulus schreibt in Römer 2,4 von „dem Reichtum seiner Güte“. Gottes Freundlichkeit, seine Güte, seine Gnade – das haben wir geschmeckt, als wir zum Glauben kamen, als wir Vergebung empfingen, als wir den Heiligen Geist empfingen, als wir Frieden mit Gott bekamen.
Und wenn wir einmal geschmeckt haben, wollen wir mehr. Wenn wir einmal gekostet haben von der Freundlichkeit des Herrn, können wir nicht mehr ohne sie leben. Wie ein Kind, das einmal Milch geschmeckt hat, danach verlangt, so verlangt der Wiedergeborene nach mehr von Gott, mehr vom Wort, mehr von seiner Gnade. Das ist der natürliche, gesunde Zustand eines Christen: ein tiefes Verlangen nach Gott, nach seinem Wort, nach seiner Gegenwart.
Wenn dieses Verlangen fehlt, wenn das Wort Gottes uns gleichgültig ist, wenn wir keine Begierde nach geistlicher Nahrung haben – dann sollte uns das erschrecken, uns zur Prüfung führen, uns zur Buße rufen. Ein gesundes Kind hat Appetit. Ein krankes Kind hat keinen Appetit. Ein geistlich gesunder Christ hungert nach Gott. Ein geistlich kranker Christ ist gleichgültig, lau, desinteressiert. Die Lösung ist: zurück zur ersten Liebe (Offenbarung 2,4-5), zurück zur Quelle, zurück zum Wort.
Der lebendige Stein: Christus, der verworfene und erwählte
„Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar.“ Petrus wechselt nun das Bild. Von der Milch für Neugeborene geht er über zu einem anderen, kraftvollen Bild: dem Stein, dem Bau, dem Haus Gottes. Er führt uns zu Christus, dem Fundament, dem Eckstein, dem lebendigen Stein.
„Zu ihm kommt“ (πρὸς ὃν προσερχόμενοι, pros hon proserchomenoi) ist ein Partizip Präsens: kommend, sich nähernd, beständig hinzutretend. Es ist nicht ein einmaliges Kommen (die Bekehrung), sondern ein beständiges Kommen, ein immer wieder Hinzutreten, ein Leben in der Nähe Christi. Wir sind einmal zu ihm gekommen – und wir kommen immer wieder zu ihm. Wir haben ihm einmal unser Leben gegeben – und wir geben es ihm täglich neu. Hebräer 4,16 ermutigt uns: „Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ Das christliche Leben ist ein beständiges Kommen zu Christus, ein Leben in seiner Nähe, ein Wandeln mit ihm.
Christus wird beschrieben als „der lebendige Stein.“ Das ist ein paradoxes Bild. Ein Stein ist normalerweise leblos, tot, kalt. Aber dieser Stein ist lebendig. Christus ist nicht eine tote Lehre, nicht eine abstrakte Idee, nicht ein historisches Relikt. Er ist lebendig, gegenwärtig, wirkend. Er ist auferstanden von den Toten, er lebt, er herrscht, er wirkt. Und er ist ein „Stein“ – stark, fest, beständig, unverrückbar, zuverlässig. Er ist der Fels, auf dem wir bauen können, das Fundament, das trägt, der Eckstein, der den ganzen Bau zusammenhält.
Dieser lebendige Stein ist „von den Menschen verworfen.“ Das griechische Wort ἀποδεδοκιμασμένον (apodedokimasmenon) bedeutet nach Prüfung verworfen, für untauglich befunden, abgelehnt. Es ist das Wort, das für einen Stein verwendet wurde, der von den Bauleuten geprüft und dann als unbrauchbar beiseitegelegt wurde. Jesus selbst zitierte Psalm 118,22: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden“ (Matthäus 21,42). Die Menschen – die religiösen Führer, die Hohenpriester, die Schriftgelehrten, die Pharisäer, die Römer, die Volksmenge – haben Christus verworfen. Sie prüften ihn und befanden ihn für untauglich. Sie lehnten ihn ab, verurteilten ihn, kreuzigten ihn. Jesaja prophezeite: „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg“ (Jesaja 53,3).
„Aber bei Gott auserwählt und kostbar.“ Das ist der große Kontrast. Was Menschen verwerfen, erwählt Gott. Was Menschen für wertlos halten, ist bei Gott kostbar. Das Wort „auserwählt“ (ἐκλεκτός, eklektos) bedeutet auserwählt, erwählt, ausgesucht. Und „kostbar“ (ἔντιμος, entimos) bedeutet wertvoll, ehrenwert, von höchstem Wert. Christus ist Gottes Auserwählter, sein geliebter Sohn, sein Kostbarster. Bei der Taufe Jesu sprach die Stimme vom Himmel: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Matthäus 3,17). Und bei der Verklärung: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ (Matthäus 17,5).
Das ist eine tiefe Ermutigung für alle, die Christus folgen. Wenn die Welt dich ablehnt, wenn Menschen dich verachten, wenn du verworfen wirst um Christi willen – dann bedenke: Du gehörst zu dem, der selbst von Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt ist. Die Ablehnung der Welt ist nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat Gott. Und was Gott für wertvoll hält, ist wahrhaft wertvoll.
Lebendige Steine: Die Gemeinde als geistliches Haus
„Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“ Petrus weitet das Bild aus. Christus ist der lebendige Stein – und wir, die wir zu ihm kommen, werden auch zu lebendigen Steinen. Christus ist der Eckstein – und wir sind die Bausteine. Er ist das Fundament – und wir sind das Gebäude, das auf ihm errichtet wird.
„Auch ihr als lebendige Steine.“ Wir sind nicht tot, nicht leblos, nicht passiv. Wir sind lebendig – lebendig gemacht durch den Heiligen Geist, lebendig durch die Wiedergeburt, lebendig durch die Verbindung mit dem lebendigen Stein Christus. Und wir sind „Steine“ – fest, beständig, Teil eines größeren Ganzen. Kein Stein steht für sich allein. Jeder Stein ist Teil eines Gebäudes, verbunden mit anderen Steinen, eingefügt in einen Bau.
„Erbaut euch zum geistlichen Hause.“ Das Verb οἰκοδομεῖσθε (oikodomeisthe) kann sowohl Passiv als auch Imperativ sein:
- Passiv: Ihr werdet erbaut – Gott ist der Baumeister, der uns aufbaut.
- Imperativ: Lasst euch erbauen – eine Aufforderung an uns, uns bauen zu lassen.
Wahrscheinlich schwingt beides mit. Gott baut uns auf zu einem geistlichen Haus – und wir sollen uns willig bauen lassen, uns einfügen, uns vom Baumeister formen und platzieren lassen.
Das „geistliche Haus“ (οἶκος πνευματικός, oikos pneumatikos) ist der Gegensatz zum materiellen Tempel in Jerusalem. Der alttestamentliche Tempel war aus Stein gebaut, ein prächtiges, beeindruckendes Gebäude. Aber der wahre Tempel Gottes ist nicht aus totem Stein, sondern aus lebendigen Steinen – aus Menschen, die durch Christus erlöst, durch den Heiligen Geist belebt, zu einem geistlichen Haus zusammengefügt sind.
Paulus schreibt in 1. Korinther 3,16: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ Und in Epheser 2,19-22: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“
Das ist die Gemeinde: ein geistliches Haus, ein Tempel Gottes, eine Wohnstätte des Heiligen Geistes. Nicht ein Gebäude aus Holz und Stein, sondern ein lebendiger Organismus aus erlösten Menschen. Jeder einzelne Gläubige ist ein Stein in diesem Bau. Jeder hat seinen Platz, seine Funktion, seine Bedeutung. Und alle zusammen bilden das Haus Gottes, den Tempel des Heiligen Geistes.
Heilige Priesterschaft: Der Dienst aller Gläubigen
„Und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“ Petrus fügt ein zweites Bild hinzu: Wir sind nicht nur ein geistliches Haus, sondern auch eine „heilige Priesterschaft.“ Das ist ein revolutionärer Gedanke. Im Alten Testament gab es eine klare Trennung zwischen Priestern und Volk. Nur die Priester, die Nachkommen Aarons aus dem Stamm Levi, durften im Tempel dienen, Opfer darbringen, sich Gott nahen. Das Volk blieb draußen, getrennt durch Vorhänge, durch heilige Bereiche, durch Gesetze.
Aber nun, im Neuen Bund, sind alle Gläubigen Priester. Das ist das allgemeine Priestertum aller Gläubigen, eine der großen Wahrheiten der Reformation, die Martin Luther wieder entdeckte und betonte. Wir brauchen keinen menschlichen Mittler zwischen uns und Gott. Wir haben direkten Zugang zum Vater durch Christus. Wir sind alle Priester – nicht im Sinne eines Amtes, einer klerikalen Hierarchie, sondern im Sinne des Dienstes, des Zugangs, der Stellung vor Gott.
Diese Priesterschaft ist „heilig“ (ἱεράτευμα ἅγιον, hierateuma hagion). Sie ist abgesondert für Gott, gereinigt, geheiligt. Petrus hatte im Alten Testament die Worte Gottes an Israel gehört: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“ (2. Mose 19,6). Dieses Versprechen erfüllt sich nun im neuen Bundesvolk, in der Gemeinde Jesu Christi. Später, in Kapitel 2,9, wird Petrus dieses Zitat ausführlich aufgreifen.
Der Zweck der Priesterschaft ist: „zu opfern geistliche Opfer.“ Im Alten Testament brachten die Priester materielle Opfer dar – Tiere, Speisopfer, Trankopfer, Brandopfer. Aber im Neuen Bund gibt es keine materiellen Opfer mehr. Christus hat das eine, vollkommene, endgültige Opfer dargebracht. Hebräer 10,10-14: „In diesem Willen sind wir geheiligt ein für alle Mal durch das Opfer des Leibes Jesu Christi… Denn mit einem Opfer hat er für immer die vollendet, die geheiligt werden.“ Es gibt kein weiteres Sühneopfer. Christus ist das Lamm, das ein für alle Mal geschlachtet wurde.
Aber es gibt „geistliche Opfer“ (πνευματικὰς θυσίας, pneumatikas thysias), die wir darbringen sollen:
- Das Opfer unseres Leibes: Römer 12,1 – „Dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“
- Das Opfer des Lobes: Hebräer 13,15 – „So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.“
- Das Opfer des Dienstes: Hebräer 13,16 – „Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“
- Das Opfer der Hingabe: Philipper 2,17 – „Und wenn ich auch geopfert werde bei dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen.“ Paulus spricht davon, dass er sein Leben als Trankopfer ausgießt im Dienst des Glaubens.
Diese Opfer sind „Gott wohlgefällig durch Jesus Christus.“ Sie werden nicht angenommen aufgrund unserer Würdigkeit, sondern durch Christus. Er ist der Mittler, durch den unsere Gebete, unser Lob, unser Dienst vor Gott kommen. Ohne Christus hätten unsere Opfer keinen Wert. Aber durch Christus, in ihm, verbunden mit seinem Opfer, sind sie Gott wohlgefällig, angenehm, annehmbar.
Was das für unser Christsein und unsere Nachfolge bedeutet
Das alles bleibt nicht Theorie. Es ist keine exegetische Fingerübung, kein theologisches Wissen, das man zustimmend nickt und dann zur Seite legt. Diese fünf Dinge – Bosheit, Betrug, Heuchelei, Neid und üble Nachrede – sind Prüfsteine für unser tatsächliches Christsein. Sie zeigen, ob unser Glaube nur Bekenntnis ist oder bereits Gestalt angenommen hat. Denn Nachfolge Jesu bedeutet immer Veränderung, immer Abkehr vom Alten, immer Hinwendung zu Christus.
Für unser Christsein heißt das zuerst: Wir können nicht gleichzeitig Christus nachfolgen und das alte Wesen festhalten. Die Wiedergeburt ist kein kosmetischer Eingriff, sondern ein radikaler Neuanfang. Wer Christus gehört, muss bereit sein, sich von dem zu trennen, was seine Gemeinschaft zerstört und seine Liebe verdunkelt. Das Ablegen ist kein moralisches Projekt, sondern ein geistlicher Akt der Hingabe: Wir legen ab, weil wir zu Christus gehören, nicht um uns selbst zu verbessern.
Zweitens bedeutet es: Nachfolge ist ein täglicher Prozess. Petrus spricht nicht von einem einmaligen Ablegen, sondern von einer Haltung, die unser Leben prägt. Jeden Tag stehen wir vor der Entscheidung, ob wir dem alten Menschen Raum geben oder dem neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist. Christsein ist nicht nur ein Ereignis der Vergangenheit, sondern ein Weg, der heute gegangen wird – bewusst, entschieden, im Licht des Wortes.
Drittens: Nachfolge zeigt sich besonders im Umgang miteinander. Die fünf Sünden, die Petrus nennt, richten sich alle gegen die Gemeinschaft. Sie zerstören Vertrauen, Liebe, Einheit. Ein Christ, der Bosheit hegt, der betrügt, der heuchelt, der neidet oder der über andere schlecht redet, widerspricht dem Wesen dessen, dem er folgt. Nachfolge Jesu bedeutet, dass unser Miteinander geprägt ist von Wahrheit, Echtheit, Reinheit, Liebe und Schutz des anderen. Die Gemeinde wird glaubwürdig, wenn sie das lebt, was sie bekennt.
Viertens: Nachfolge bedeutet Hunger nach Gott. Wer das Alte ablegt, muss das Neue suchen. Die Sehnsucht nach dem Wort, nach geistlicher Nahrung, nach Christus selbst ist das Kennzeichen eines lebendigen Glaubens. Ein Christ, der nicht mehr hungert, ist ein Christ, der innerlich erloschen ist. Die Nachfolge Jesu lebt aus der täglichen Begegnung mit ihm, aus dem Schmecken seiner Freundlichkeit, aus dem Verlangen nach seinem Wort.
Und schließlich: Nachfolge bedeutet Einfügung in den Bau Gottes. Wir sind lebendige Steine, nicht lose Kiesel. Christsein ist nie privat, nie isoliert, nie nur „mein persönlicher Glaube“. Wer Christus folgt, wird Teil seines Hauses, seiner Gemeinde, seiner Priesterschaft. Das bedeutet Verantwortung, Hingabe, Dienst, Opfer. Nachfolge ist immer gemeinschaftlich – wir werden gebaut, wir lassen uns bauen, wir dienen gemeinsam.
Wenn wir diese Worte ernst nehmen, dann führt uns Petrus nicht in die Theorie, sondern in die Praxis der Nachfolge. Er ruft uns zu einem Leben, das sichtbar macht, dass Christus wirklich unser Herr ist. Ein Leben, das das Alte ablegt und das Neue anzieht. Ein Leben, das wächst, das hungert, das dient. Ein Leben, das Christus ähnlicher wird.
Der Kleine Katechet
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